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Deutschland.
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Damit charakterisiert Goethe weniger den Dichter des „Befreiten Jerusalem" als den Lyriker, aber nicht jeder findet den richtigen Ton, in dem er ans seine Leiden und Freuden mitteilen muß; und manchem mag wohl beim Schreiben seiner Gedichte das Herz hoch geschlagen haben, wenn ihm nicht gar die Thronen die Backen herunterliefen, — und doch lassen uns seine Verse ganz kalt. Das ist bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen momentane Sache des Gefühl», und der Kritiker kann nichts davon nehmen und nichts dazu thnn, außer die Gründe znm ersten Eindrücke aufsnchen.
Unter den Gesängen und Balladen von Johann Friedrich Lah mann befindet sich kein einziges Gedicht, das einen Eindruck in uns hervvrriefe, der dem überschwenglichen Gefühle, das offenbar den Dichter bei der Niederschrift bewegte, irgendwie gliche. Freilich ist uns auch dieser überschwängliche, Klopstocksche Tithyrambenton keineswegs syni pathisch. Manches von dem, was Herr Lahmann sagt, tönte uns in kerniger Prosa viel angenehmer als in diesen kurzgehackten Versen. Ein Beispiel für viele: In dem längeren Gedichte „Das Maskenfest" wird die Ermordnng eines Mädchens ans einen: Maskenballe erzählt. Um uns nun mitznteilen, das; ein Arzt, der ans dem Balle anwesend war, der Verwundeten Beistand leisten wollte, erhebt der Dichter also seine Stimme:
„'Vilft', Rettung,
Wird er sie bringen
Tort der Wissende? i - Rr;t>
Tnrch bas Oiewühl
Macht er sich Bahn" n. s. w.
Diese seraphischen Klänge dnrchtönen auch das ganze lange Gedicht „Aus den Tod Kaiser Friedrichs" (S. 71—Uly. Aber in unserer realen Feit stehen uns, lim bei diesen Beispielen zu bleiben, das Bild eines Arztes, der auch im Maskengewühle seine Berufspflicht erfüllt, lind vor allem dm? Bild unserem Kronprinzen viel zu lebendig und plastisch vor Arigen, als das; uns Herrn Lahmanns nebelhafte Dden nicht unangenehm berührten.
Weit günstiger lautet unser Urteil über die Lieder lind Bilder vom Schivarzwald, die H. Robert in einem Buche gesammelt, dem er den wenig angemessenen Namen „Abnoba" gab. Freilich gelten unsere all gemeinen Bemerkungen auch für ihn. Auch er vermag es nicht, durch seine meist objektiven Schilderungen der Naturschönheiten des Schwarz- waldes in uns die Gefühle zu erwecken, die ihn offenbar ganz erfüllen. Für poetische Schilderungen, die nicht wirkliche Stimmungsbilder sind, die nicht voll Subjektivität getränkt sind swie etwa Heines „Nordsee" oder Goethes „Meere?stille" oder Storinsche Gedichtes, gelten noch heute die abweisenden Worte, die Lessing in seinem Laokoon über Haller» Beschreiblliigspoesie sprach. Roberts Gedichte sind weit geschmackvoller, sie zeugen von hoher Formvollendung, aber sie sind zu ruhig objektiv, um durch musikalische Stimmung ersetzen zu können, was aller Poesie ail Plastik abgehen muß.
Nur in einigen seiner Gedichte ist es den: Verfasser gelungen, lins Vollgültiges, Treffliches zu bieten. Sehr hübsch sind „Im priEnt," „Waldesspuren" und „An meine Mutter," vortrefflich, besonders auch wegen ihrer humoristischen Stimmung, die „Wald-Metaphysik." Sehr angesprochcn hat uns auch das letzte Gedicht der Sammlung: „Kehraus," da» mehr ab? fast alle andern würzige Waldluft atmet, und dessen Spitzen gegen die Kritiker uns nicht im mindesten verletzt haben. 1.
Abhandlungen über Goethe, Schiller, Bürger und einige ihrer Freunde. Mit Knesebecks Briefen an Gleim als Seitenstiick zu Goethes Campagne in Frankreich. Von IM. Heinrich Pröhte. (Potsdam 1889, August Stein.)
Der Verfasser bietet uns sehr gründliche Forschungen meist au? entlegeneren Gebieten der Literaturgeschichte. Aussätze wie die über Goethe und den Harz (S. 28—78), Earl Philipp Moritz (S. 141—170) und einige andere dürsten stofflich kaum viel Interesse erregen, und auch die etwas trockene Darstellung ist nicht allzu anziehend. Manche? ist etwas zu fein ausgeklügelt, wie der Gedanke in „Faust und die Uhr von Sanssouci," bei der Darstellung von Fausts Tod habe Goethe der Geist Friedrichs des Großen vorgeschwebt, weil damals eine Uhr im Schlafzimmer des Königs stehen blieb und es bei Goethe heißt: „Die Uhr
steht still - -- - Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht. Der
Feiger fällt.- — Er fällt, es ist vollbracht." Am wertvollsten sind
die Abhandlungen „über Goethes Hermann und Dorothea," „Iphigenie und das Wintermärchen" und „Bürgers Lenore," wertvoll vor allem auch, wie der Verfasser richtig bemerkt, für den Schulunterricht. Es ist nur in Drdnung, daß er, im Gegensatz zu der ästhetischen Betrachtungsweise Humboldts und Schlegels, bei Hermann und Dorothea stark das Politische und vaterländische Moment betont. Freilich verfährt er dabei nicht minder einseitig als seine Vorgänger, die überdies die Dichtung wohl mehr in Goethes Sinn interpretierten: aber diese veränderte Be trachtungsweise ist charakteristisch für den Wandel der Zeiteil. !.
Nachtigalls Grab. Cm Negerrvmcm in zwei Bänden von dem Afriknreisenden IM. Bernhard Schwarz. (Leipzig, Ednard Baldamus, 1890.)
Eine amerikanische Dame, die in ihrer Überspanntyeit ihren Bräu tiganl, einen Marineoffizier, laufen ließ, begiebt sich später nach Afrika, kommt nach mannigfachen Abenteuern in die höchste Lebensgefahr, ans der sic — ihr zufällig eben an Afrika vorbeifahrender Bräutigam er rettet. - Ein Neger, der dem Verfasser ab? böse» Prinzip sehr gute Dienste geleistet hat (er verwendet ihn als Rom-, Staat?verschwörer und Mörder), wird gerade in dem Momente, wo er iyil nicht mcyr brauchen kann, von einem Haifisch gefressen. Der Verfasser schreibt über dieses Kapitel: „Ein Gottesurteil." -- Im übrigeil brauchte man nicht gerade nach Afrika zu reisen, um einer: Roman zu schreiben, der nicht im min besten hinter den schlechtesten Kolportageromanen znrückstebt. >.
Florentiner Novellen von Isolde Kurz. (Stuttgart. (9. I. Göschensche Verlagshandluiig, 1890.)
Bis in die jüngste Zeit hinein war die epische Gattung der dra matischen und lyrischen gegenüber offenbar im Vorsprung: mit den uo ! vellistischen Schöpfungen Hevses und Storni?, den Romanen Reuters, Freytags, Spielhagens konnte es kaum ein Dramatiker oder Lyriker aus j nehmen. Fast will es uns bedünken, als ob das für die nächste Zn kunst anders würde lind die epische Gattung das Stiefkind unserer ! Jüngsten werden soll. Wenigstens sind ihre epischen Versuche so voll von formloser Lyrik, so überau? reich an langatmigen Beschreibungen, die der Plastik ins Handwerk pfuschen, daß auch ein ausgesprochener Realist und, wenn man will, Naturalist manchmal sich noch gerne zu den Vertretern einer ältern Richtung wendet, wo er wenigstens sicher ist, epischen Stil zu finden. Ihn in hohem Grade zu besitzen, ist da? Verdienst der Florentiner Novellen von Isolde Kurz. Mit der psy chologischen Vertiefung der Charaktere dagegen: nimmt e? die Verfasserin nicht so genau, und auch die Stoffe der zwei ersten: und der letzten No velle sind nicht gerade originell. Gut dagegen, auch in dieser Hinsicht, ist die dritte Novelle „Der heilige Sebastian," die um? in die Tage Lo renzos des Großen zurücksührt: den: Hintergrund bildet der Kampf Sa vonarolas gegen die Verderbnis der Zeit, während in: Vordergrund nn? die Entwickelung eines sinnlich angelegten Maler? bis zun: Mönch vor Augen: geführt wird. l.
Sühne. Roman von Wilhelm von Potenz. Zwei Bände. (Dresden nnd Leipzig. Verlag von Heinrich Minden, 1890.)
Die Handlung dieses Romanes hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der des Paul Lindauschen „Der Zug nach den: Westen." Hier wie dort steht in: Mittelpunkt der Handlung ein Ehebruch, der in beiden Fällen dadurch „gesühnt" wird, das; die Frau in: Wochenbett stirbt. In: übrigen unterscheidet sich der vorliegende Roman teils zu seinen Gunsten, teils zu seinen Ungunsten von den: Vorgänger. Mit der blanken, feingeschliffenen Sprache Lindaus kann er es nicht anfnehmen, ebenso wenig mit den Schilderungen des äußeren Gesellschaftslebens. Dagegen ist er ihn: überlegen in der Darstellung des Seelenleben? und in der Wahrheit und Konsequenz der Handlung. Bor allen: ist zu loben, daß der Verfasser sich nicht bemüht hat, die Gestalt des betrogenen Ehemannes in ein möglichst schlechtes Licht zu stellen, wie denn diese Figur neben der des Arztes Konrad Burt vielleicht die beste des Romanes ist.
l.
Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin >V., Frobenstraße 33. — Druck nnd Verlag von Carl Flemming in Glvgan.