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Deutschland.
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den glänzenden Erfolg des Künstlers wieder ein wenig in ein richtigeres Licht gerückt worden. Seit wehr als einem halben Jahr beschäftigt sich der Berliner Coulissentratsch ausschließlich, die Unterhaltung der Gesellschaft sehr viel mit dieser Sache. Doch das Geschwätz kehrt immer wieder zu der müßigen Frage zurück, ob der Schauspieler im Rechte sei, oder der Theaterdirektvr. Josef Kainz hat sich dem Direktor Barnay vertragsmäßig für einige Jahre verpflichtet, hat sich dann von den künstlerischen Leistungen des „Berliner Theaters" unbefriedigt gefühlt, hat seinen Kontrakt zu lösen versucht, und als ihm dieses nicht gelang, sei es nun aus Trotz oder infolge hochgradiger Nervosität seine Verpflichtungen nicht erfüllt. Kainz ist zur Strafe dafür für kontraktbrüchig erklärt worden. Die juristische Frage liegt recht einfach. War Kainz gefährlich krank, wie hervorragende Ärzte ansgesagt zu haben scheinen, so kann er für seinen Vertragsbruch nicht verantwortlich gemacht werden; ist er nur einer Künstlerlanne oder auch einer ästhetischen Überzeugung gefolgt, so ist sein Direktor im Rechte, und wenn er auch eine ganz elende Bühne leiten würde. Das Bedeutsame an dem Falle gehört überaus ein ganz anderes Gebiet als auf das einer geordneten Rechtspflege. Erstlich steht Schuld und Strafe in einem solchen Mißverhältnis, daß der gesamte Schauspielerstand über seine Lage erschrecken müßte. Die Schuld von Kainz nämlich vollständig zugegeben, so müßte seine Strafe eine verhältnismäßige und eine begrenzte sein. Wird er aber vom Bühnenverein für kontraktbrüchig erklärt, so ist über ihn der große Bann ausgesprochen, er kann sich seinen Geldverlust — wenn der Bann zehn bis zwanzig Jahre dauert — auf Hunderttausende, vielleicht auf eiue halbe Million Mark berechnen, ja der Bann kann sehr leicht den bürgerlichen und physischen Ruin des Künstlers zur Folge haben. Josef Kainz hat wahrscheinlich die Verpflichtungen gegen seinen Direktor nicht erfüllt: aber die drohende Strafe wäre auch für den schlimmsten Fall zu hart. Nun kann aber der bürgerlichen und physischen Vernichtung die künstlerische vvrausgehen, und diese Möglichkeit verdient wvhl vor allem die öffentliche Aufmerksamkeit. Ein Schauspieler, der für kontraktbrüchig erklärt worden ist, wird schließlich nach Amerika gehn und dort sehr viel Geld verdienen. Wie aber wird uns Amerika den genialen Künstler zurückgeben? Nach vielen Erfahrungen als einen fahrenden Virtuosen, der der letzten Galerie zuliebe spielt, der die Kritik durch kleine Mittel zu gewinnen sucht, und der einen Teil seiner Einnahmen geschickt und produktiv für die Reklame auszugeben versteht. In unserem Falle also kann es infolge einer Privatstreitigkeit leicht dazu kommen, daß Deutschland seine zukunftsreichste Kraft nicht nur für einige, vielleicht für die schönsten Jahre entbehrt, sondern daß die ganze künstlerische Schönheit dieser Kraft drüben verloren geht. Das scheint mir doch eine Gefahrvoll allgemeinem Interesse zu sein. Wenn in Frankreich ein wertvolles Bild nach Amerika verkauft worden ist, so empört sich der Nationalstvlz gegen diesen Handel; und dabei wandert das Bild doch nur aus, ohne drüben an seinem Werte zu verlieren. Der deutsche Künstler aber kann wie das deutsche Bier diese Seereise bekanntlich nicht immer vertragen. Direktor Barnay ist ein guter Schauspieler und guter Regisseur, allerem Genie wie Josef Kainz kann weder seine Persönlichkeit noch seine Regiekunst uns ersetzen und so würde schließlich, wenn der Streit zum äußersten getrieben wird, die künstlerische Rechnung Barnays am Ende lauten: Er hat uns einen recht guten Schauspieler in sich selbst geschenkt, er hat uns aber einen ausgezeichneten vernichtet. Josef Kainz ist andererseits jetzt schon so schwer getroffen, daß er das Unrecht, soweit es auf seiner Seite liegt, kaum mehr verkennt. Hoffentlich wird ein Vergleich, dem nur subjektive Empfindungen im Wege stehen können, die leidige Angelegenheit noch vor Beginn der Sommerferien beschließen. tin.
Bismarck, Moltke und Goethe. Eine kritische Abrechnung mit Ift'. Georg Brandes von Max Bewer. (Düsseldorf, Verlag von Felix Bagel 1890.)
Ein böses Büchlein, welches leicht ein verdienstvolles hätte werden können. Der Verfasser liegt mit den: bekannten dänischen Kritiker schon lange in Fehde und versäumt keine Gelegenheit, dem geistreichen Essayisten eins auszuwischen. Nun hätte es Georg Brandes schon längst verdient, an seine großen Schwächen kräftig erinnert zu werden. Brandes sieht immer scharf und geistreich, was er sieht, aber er sieht von den ästhe
tischen und kulturhistorischen Erscheinungen, über welche er zu schreiben liebt, nach Laune oder Willkür fast immer nur einen Punkt, von welchem aus er die übrige Gestalt so frei zu konstruieren sucht, als ob sie nicht ganz und gar sichtbar wäre. Aus dieser spielenden oder wenn man will dichterischen, doch sicherlich nicht wissenschaftlichen Art kamen auch die kleinen Ungerechtigkeiten, welche Brandes gegen seinen und unseren Landsmann Moltke verübt hat, und welche nun in Max Bewer ihren Rächer gefunden haben. Leider politisiert dieser dann, auf eigene Faust und generalisiert in ganz haltloser Weise, indem er Brandes und Männer wie Ludwig Bamberger irgend einer vorgefaßten Meinung zuliebe zusammenwirst. Georg Brandes ist niemals ein Politiker gewesen und hat vor allem als solcher für uns gar keine Bedeutung. /.
Ovid. Historischer Roman von Wilhelm Wallvth. (Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich, K. R. Hofbnchhändler.)
„Die Walloth scheu Dichterwerke sind unvergänglich, denn sie znu bern uns mit wunderbarer, oft beängstigender und doch entzückender Dentlichkeit wirtliche Bilder vor die Phantasie, die wir gerne rmmer und immer wieder sehen, weil sie uns ganz von dem Druck und den Sorgen des alltäglichen Lebens befreien und uns wie in eine andere, schöne und heitere Welt versetzen, was eben die Aufgabe aller wahren Dichtungen ist." — Also das apodiktische Urteil eines Reeenscnten, das der Verleger sich beeilt, uns mitzuteilen. Dem Schreiber dieser Zeilen aber fällt bei der Gelegenheit eine andere, ähnlich klingende Reeension ein; daß ihre Sprache etwas altertümlich ist, thut nichts: „Alle seine Gedanken sind scharfsinnig, seine Ausbildungen zierlich, und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so findet man in diesem Einzigen fast alles beisammen, was sich in den andern nur einzeln findet. Denn er hat nicht allein von Opitzerr die heroische, von Gryphius die bewegliche und von Hvffmannswaldau die liebliche Art angenommen, sondern auch viel Neues hinzugethau, und absonderlich in Sententien, Gleichnissen und hohen Erfindungen sich höchst glücklich erwiesen." Also urteilte Benjamin Nenkirch über den ehrenwerten Daniel Casper von Lohenstein; und die Ähnlichkeit der beiden hier zusammengestellten Urteile wird noch übertrvsfen durch die der beiden Reeensierten. Ein so abscheulicher, un wahrer Schwulst, solche gesuchten und verschrobenen Bilder und Gleich nisse, wie wir sie bei Walloth finden, sind sicherlich seit Lohenstein nicht .mehr dagewesen. Daneben noch ein abstoßendes Hinübertragen kleinlicher und vorübergehender moderner Zustände in antike Verhältnisse. Eiue ausführliche Analyse des Wallvth sehen Stiles stellte diese Unnatnr jedem klar vor Augen; doch verdient Walloth keine Gründlichkeit. Statt ihrer nur einige flüchtige Proben.
S. 49. „«Halt,» fragte sie leise und wichtig, als handle sich's um ein Staatsgeheimnis: «steht mir das kurzgelockte Haar, das die Römer Knabenkopf nennen, nicht noch pikanter als dieses lange?»" — S- 83. „Die Ohren rauschten ihm, dem an Blutarmut Leidenden." Scheint von Walloths Svhnchen, das die Quarta besucht, direkt aus dem Lateinischen übersetzt. — S. 125. „Seine grauen rasierten Hängeivan gen zuckten wie eine Gallertmasse, seine wnrstartigen Finger trommelten auf den runden Knieen." — Endlich und zuletzt S- 106. „Es war ihm, als ströme ans den Falter: ihres Gewandes ein scharfer, sünerlicher Geruch, von dem man nicht wußte, ob er ein Produkt der Jugendfrischc oder Zersetzung war." Die Quelle dieses Satzes sei lieber nicht untersucht. Nach mehr wird niemanden gelüsten. —>-
Johann Nestroys gesammelte Werke. Herausgegeben von Viu- eenz Chiavacci und Ludwig Ganghofer. (Stuttgart, Verlag von Bouz und Comp.)
Hier wird einmal wirklich einem dringeirden Bedürfnisse abgeholfen. Die Überfülle von guter Laune und kaustischer Bosheit, welche in den Possen Nestroys arrfgespeichert liegt, ist weder für die Leser noch für die gegenwärtige Bühne nach Gebühr genützt worden, weil viele der Stücke überhaupt noch nicht gedruckt Vorlagen. Es ist nicht unmöglich, daß Nestroy infolge dieser Gesamtausgabe auf dem deutschen Theater seine Auferstehung feiert. Jedenfalls ist dem Unternehmen der glücklichste Fortgang zu wünschen. —r-
Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin tzV., Frobenstraße 33. — Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogau.