Heft 
(1889) 35
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Deutschland.

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ist auch der littcraturbeflisseue Jüngling, der seine langweiligen Gesellen schmutzige Zoten reißen läßt, sobald er die Teilnahme seiner Leser nicht anders fesseln kann.

In der doppelten Bedeutung des Wortes liegt die Er­klärung dafür, weshalb die Neuerer sich nicht gernCyniker" nennen lassen; aber im Wesen des Cpnismus liegt auch schon der Grund, weshalb er einerseits das Streben nach einer lie­fern Sittlichkeit, andererseits das geistreiche Spielen mit der gröbsten Unsittlichkeit bezeichnet.

Man sollte, wenn von Cynismus die Rede ist, nie ver­gessen, daß der witzigste und unverschämteste alte Cyniker, daß Diogenes einmal treffend und zwar von keinem Geringeren als von Plato selbstein verrückt gewordener Sokrates"' genannt worden ist. Ans den besten Charaktereigenschaften dieses Man­nes, ans seiner Bedürfnislosigkeit und seiner Leutseligkeit haben sich die Hauptzüge der cynischen Schule entwickelt und sind in ihrer Fortbildung durch stoische Römer und durch Kirchenväter geradezu zu Phrasen unserer landläufigen Moral geworden. Daß z. B. die Tugend wertvoller sei als der Gennß, was heute noch das Thema eines zweifelhaften Gymnasiastenauf­satzes sein könnte, das haben diejenigen Schüler des Sokrates, die man die Cyniker nannte, zuerst ausgesprochen. Und wenn man die alten Lehrsätze ein wenig abstäubt, wenn man nicht nnr die griechischen Worte in die deutschen, sondern die alte Bedeutung in die neue übersetzt, so ergiebt sich leicht, daß jede Knltnrentwickelnng, welche leidenschaftlich die Rückkehr zur Natur wünscht, mit den Bestrebungen der eynischen Schule identisch war. Je nach Stimmung, Charakter und Witz kommen dann die edeln oder die gemeinen Züge des Cynismus zum Vor­schein. Ein solcher nachgeborener Cyniker war im vorigen Jahr­hundert Jean Jacques Rousseau und hinter ihm die Schule der deutschen Stürmer und Dränger. Solche Cyniker sind auch gegenwärtig die führenden Ausländer, und sie finden in der Himmelsstürmerei wie im Schmutzbade ihre Nachahmer aller­orten, anch bei den jungen deutschen Naturalisten, die sich selber gern mit den Stürmern und Drängern vergleichen.

So weit der älteste Cynismus es überhaupt zu einem geschlossenen System brachte, könnte er getrost zur offiziellen Philosophie der neuesten Richtung ernannt werden. Schon der Verzicht ans die erkenntnistheorctische Leidenschaft ihres Meisters, der seine Weltanschauung durch Nachprüfung aller Begriffe klärte, unterscheidet die Cyniker von Sokrates genau so, wie unsere Naturalisten sich mehr und mehr von Kant los­gelöst haben. Wie den Cyuikern Begriff und Name Schall nnd Rauch war und sie im Individuum allein beachtenswerte Wirklichkeit sahen, so schwören auch unsere Naturalisten zu nichts höher als znm Individuum. Derjenige scheint den Fa­natikern unter uns der beste Dichter, der kein Wort von vollem Klange, der kein Allgemeines mehr kennt, vielmehr den Men­schen mit seiner Umgebung, mit den Gewohnheiten seiner Sprache nnd womöglich mit den Unreinigkeiten seiner Haut individua­lisiert. Das ist ja der Grundfehler der litterarischen Schmutz­malerei, daß sie alles Hübsche für kanonisch hält, weil der alte griechische Kanon hübsch war, daß sie darum am bequemsten zu individualisieren glaubt, wenn sie Häßlichkeiten häuft.

So legte der alte Cynismus, weil er das philosophischere Begreifen der Welt gering schützte und auch sein Hauptgebiet, die Ethik, ganz frei von Dogmen und Vorurteilen behandelte, das Schwergewicht auf die Fragen der Gesellschaft. Seine Angriffe auf den Reichtum und die Eitelkeit könnten heute vou Tolstoj geschrieben sein, und seine Verachtung aller Weltlust ist so modern wie nur möglich. Wenn Antisthenes einmal sagt, er möchte bei dem allgemeinen Zustand der menschlichen Einrichtungen lieber verrückt als vergnügt sein, so glaubt mau Ibsen zu hören oder doch eine gute Parodie auf Ibsen. Auch das Lob der Arbeit, die Poesie der Arbeit ist etwa von Zola nicht lauter verkündet worden, als von den Cyuikern, welche den Herakles, diesen furchtbaren Arbeiter des Olymp, der mit vierundzwanzigstündiger Arbeitszeit zufrieden gewesen zu sein scheint, zu ihrem Schutzpatron machten.

Noch mehr als die Theorieen der Cyniker erinnert ihr Stil, in ihrem Leben wie in ihren Schriften, an manche Cy­niker vou heute. Enthaltsamkeit und Ausschweifung findet sich nebeneinander, nennt sich aber gleicherweiseRückkehr zur Na­tur," und in der Behandlung des Liebeslebens wird niemand eine gewisse Schamlosigkeit leugnen wollen. Die Schamlosig­keit ist da und es fragt sich nur, wo sie als eine feierlich aus­gepichte Zote verächtlich und wo sie heilig ist, wie ein biblisches Kraftwort. Auch darin ähnelt ja das heutige Geschlecht dem damaligen, daß die großen Cyniker und Stürmer und Dränger sich für die berufenen Ärzte ihrer Zeit halten und sie mit Messer und Feuer zu heilen versuchen, während unberufene Jungen hinter ihnen herlaufen, aber mit Messer und Feuer nur spielen können.

Der alte Cynismus hat auch das erste emanzipierte Weib erzeugt. Hipparchia, die Gattin des Philosophen Krates ist eine Gestalt wie aus demKönig Midas" von Gunnar Hei- berg. Blindlings verehrt sie den Wahrheitsapostel, um desseut- willen sie Vater und Mutter und Freunde verläßt, sie teilt seine Gewohnheiten, sie spricht seine Sprache, sie zeigt ihre Liebe auf offenem Markte; aber wir wissen oft nicht, ob der berühmte Gatte der Hipparchia, wir wissen nicht ob Björnson ein großer Prediger der Sittlichkeit, oder ob er ein Sophist gewesen ist.

Und so unentschieden liegt die Frage von Cynismus und Sittlichkeit in den meisten Füllen; denn diese Frage ist immer persönlicher Art. Gewiß ist die Macht der Finsternis von Tolstoj ein hervorragend sittliches Drama; gewiß sind z. B. die Cynogamieen, welche einmal in deutscher Sprache unter dem widerwärtigen TitelNicht für Kinder" erschienen sind, ein ebenso schlechtes wie unsittliches Buch. Aber zwischen dem ganz Hohen und dem ganz Niedrigen giebt es Lagen und Schichten, in denen sich Hohes und Niederes unentwirrbar- vereinigt hat, und wo das interessante Gebiet der gemischten Charaktere beginnt. Hier kann recht gut die Eitelkeit durch den zerrissenen Ärmel gucken und die großartige Anspruchs­losigkeit des Diogenes etwa Alexander gegenüber nur eine an­dere Form der Bettelei sein. Auch das Mittelalter hatte in seinen Bettelmönchen eine Erscheinung, bei welcher lächerliche Roheit und idealste Entsagung miteinander verbunden waren. Der litterarische Cynismus unserer Tage weist alle diese Ele­mente auf. Im Guten und im Bösen hat er sich der meisten jüngeren Talente bemächtigt, und wer nicht sehen will, daß er immer weitere Fortschritte macht, der muß absichtlich die Augen schließen. Er ist so mächtig geworden, daß schon die unsau­beren Geister in seinem Bekenntnis einen Vorteil sehen, eben die Geister, welche ihn leicht in den Ruf der Unsittlichkeit bringen.

Trotzdem müssen wir das Große nnd Bleibende im litte­rarischen Cynismus festhalten. Er wird als Mode vorüber­gehen, und seine Keime werden nnter einem fremden nenen Namen unbekannte Früchte tragen. So lange wir aber Na­men und Art dieser Früchte nicht kennen, müssen wir nus mit dem besten Cynismns als einer Vorfrucht begnügen und uns nur hüten, in jedem Verrückten einen Sokrates zu sehen, weil Diogenes ein verrückt gewordener Sokrates war. Es ist eine Lüge, wenn man jeden als Gesinnungsgenossen umarmt, der zufällig mit uus dieselbe Straße zieht; und nichts widerspricht dem Wesen des Cynismus mehr, als die Lüge.

Kteine Kritik.

Josef Kainz hat kurz vor Pfingsten in zwei öffentlichen Vor­lesungen daran erinnert, daß er als Künstler noch auf der Welt sei und daß in ihm eine ungeheure Kraft, vielleicht die stärkste Kraft der heuti­gen deutschen Bühne brach liege. Die Affaire Kainz-Barnay ist durch