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Deutschland.
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und durchaus humorvoll behandelt worden; denn während wir noch mitleidig und wehmütig den altgewordenen armen Bauern als Aschenmann bedauern, müssen wir bereits wieder lächeln über die gemütlichen Reden, die er anhebt, über die Art, wie er mit der „Zufriedenheit" ein ganz vertrauliches Zwiegespräch führt, weil er sie für eine „liebe Jungfer Köchin" hält; und wenn er dann in einem Couplet vom Hochmut der Welt und vom falschen Schein der Menschheit singt, so ist das in der That ein Meisterstück theatralischer Kunst; wir begreifen recht wohl, wie Raimund gerade als Wurzel einen wahren Siegeszug durch Deutschland halten konnte und daß er sich im Lanfe der Jahre zu seinem „Ascheneouplet" viele Dutzend Strophen nendichten mußte.
Was Raimund hier versucht hat: die Bekehrung eines Menschen zum Bessern, führte er später in seinem „Alpenkönig und Menschenfeind" als Hauptmotiv mit Entschiedenheit durch; aber „Der Alpenkönig und der Menschenfeind" ist seinem Vorläufer um ein Beträchtliches überlegen, denn die Absichten Raimunds sind hier in Wahrheit erreicht; ging in dem früheren Stücke die Umkehr des Bauern zur Einfachheit etwas gar zu schnell von statten, weil sie nicht Hauptzweck war, so ist nun im „Alpenkönig" die Wandlung in der Sinnesart des „Menschenfeindes" völlig glaubwürdig gemacht, weil sie das Endziel der ganzen Handlung bildet. Und man kann sagen: nur Moliöre noch ist im stände gewesen, etwas Ähnliches zu leisten, ein ebenso humorvolles Charakterbild zu zeichnen. Was jedoch von Moliöre in fein satirischem Lnst- spielton mit Sarkasmus und Ironie behandelt wäre, das ist von Raimund in volksstückmäßige Schlichtheit, Geradheit und Derbheit umgesetzt. Durch seine eigenen ewigen Verstimmungen wohl ist Raimund zur Auffassung dieses Stückes veranlaßt, und oftmals erscheint es wirklich so, als hätte er sein Schicksal, seinen eigenen Groll und seine eigene Gutherzigkeit hier getreu abgespiegelt.
Denn vom Groll zur Gutherzigkeit, von Menschenfeindlichkeit zur Menschenfreundlichkeit wird der Held dieses Stückes, der reiche Gutsbesitzer Herr von Rappelkops, bekehrt. Er ist natürlich ganz das, was sein Name besagt: ein mißtrauischer, zänkischer, eigensinniger Mensch, der den lieben, langen Tag weiter nichts thnt, als schelten und murren; seine Frau hält er für eine Mörderin, seinen Diener Habaknk für ihren Handlanger, seiner Tochter gönnt er nicht das Glück einer herzlichen Liebe, ihren Bräutigam sieht er für einen leichtfertigen Verführer an, in seinen: Schwager, der sein Vermögen verwaltet, vermutet er einen abgefeimten, betrügerischen Schurken, alle Dienstboten im Hause schmäht und tadelt er unausgesetzt. Um diesen hartköpfigen Menschenfeind anderen Sinnes zu machen, sinnt der Alpenkönig Astragnlns, an den sich Rappelkvpfs Tochter Matchen hilfeflehend wendet, den folgenden Plan aus: er will sich in Rappelkopfs Gestalt, diesen selbst in seinen Schwager verwandeln und dadurch dem Menschenfeind sein Spiegelbild Vorhalten. Rappelkopf, der vor Angst, in seinem Hause ermordet zu werden, in die Berge geflüchtet ist und auch in des Alpenkönigs Reich gelangt, verspricht sich zu bessern, wenn ihm bewiesen wird, daß er die Menschen mit Unrecht haßt.
Und nun beginnt das ergötzliche Spiel mit dem falschen und dem echten Rappelkopf; nun hebt die Bekehrungszeit Rappelkopfs an. Anfangs kann er sich gar nicht drein finden, daß er nicht er selbst ist, und will sich immer als Herrn im Hause anfspielen; aber dann sieht er ein, wie er sich in die Rolle, die ihm znerteilt ist, fügen muß, und lernt zugleich die Menschen, mit denen er zusammen gelebt hat, kennen. Da ist es nun wieder meisterlich, wie er zuerst noch ganz mißtrauisch ist und gar nicht glauben will, daß seine Mitmenschen sämtlich grnndgnte Seelen sind; wie er hernach gar nicht mehr aus noch ein weiß, ob seine Menschenfeindlichkeit berechtigt war oder nicht, wie er zum Schluß endlich gestehen muß, daß er sich geirrt hat: seine Frau liebt ihn von Herzen, seine Tochter und ihr Verlobter sind sich in wahrer Treue zugethan, sein Schwager ist der ehrlichste Mensch von der Welt, sein Diener Haba
knk hat niemals mörderische Absichten gehabt, sondern ist eine harmlose Einfalt.
Und wie ich nach und nach gewahr',
So bin ich selbst der größte Narr,
das ist die Erkenntnis, die sich ihm offenbart; in seinem Innern wird es licht und er ist dem Alpenkönig von Herzen dankbar für seine Heilnngsknr. ' (Schluß folgt.)
(tMismus und Sittlichkeit.
Von
I. M-
C^n dreisten und gottesfürchtigen Zeitungen ist es schon seit
Jahren Brauch geworden, alle modernen Schriftsteller in
einen Topf zu werfen, auf 1)en Topf eine Etikette mit dem Worte „Naturalismus" zu kleben, drei Kreuze und zwei Totenköpfe darunter zu malen und solchergestalt das gutgesinnte Publikum vor dem Gifte zu warnen. Da werden alle Romanschreiber, die nicht geradezu für die höhere Tochter arbeiten, mit dem gleichen Schlagwort abgethan. Spielhagen und Zola, Paul Lindau und George Elliot, alle heißen sie Naturalisten und verderben nach der Meinung der eifernden Herren grundsätzlich die Moral. Wir haben da das Gefühl, als ob solche allgemeine Achterklürnngen ohne Kenntnis der Sachlage niedergeschrieben wären; man würde sonst mit der Bezeichnung „Naturalismus" nicht einen so ungeheuerlichen Mißbrauch treiben. Nun hat aber der neueste Litteratnrkampf einige Namen so deutlich ans der Schar derer heransgehoben. die sich mit einigem Rechte modern nennen dürfen, daß der fromme Eifer die maßvolleren deutschen Dichter eine Weile in Ruhe läßt und sich mit seinem leidenschaftlichsten Haß ans Ibsen, Dostojewski und Tolstoj, vor allem aber auf ihre jungen deutschen Nachahmer wirft.
Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß die Orthodoxie unrecht hat, wenn sie einen Ibsen, einen Tolstoj unsittlich nennen will. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, in welcher man auch in den ängstlichsten Kreisen einsehen wird, daß solche reformatorische Männer weitaus die sittlichsten Schriftsteller ihrer Zeit waren, sittlicher als die krankhaft phantasierenden Verfasserinnen von Gouvernantenromanen; aber auch sittlicher als viele Herrschaften, welche ans der Hebung der Sittlichkeit ein Gewerbe machen. Von der Lüge stammen fast alle die Zeitgebrechen, welche man unter dem Begriff der Unsittlichkeit znsammenznfassen pflegt, und gegen die Lüge haben seit den Zeiten der Propheten wenige Bolksführer so zorncsmntig gekämpft, wie die Ibsen und Tolstoj in den Werken ihrer besten Mannesjahre. Es ist also im eigentlichsten Sinne verkehrt, wenn solche Kräfte von Zeloten der Unsittlichkeit geziehen werden.
Nun haben aber die skandinavischen und russischen Lehrer Schule gemacht: neben ihnen und vor ihnen hat der französische Naturalismus, der freilich in ethischer Beziehung nicht so ernst zu nehmen ist, überall in Deutschland Nachfolger gehabt, und alle diese jüngeren und älteren deutschen Schriftsteller, die Talente und die Spekulanten, die stillen und die lärmenden Verkünder einer neuen Zeit, haben das Gemeinsame, daß sie den alten gesellschaftlichen und litterarischen Brauch verletzen, also nach dem Glauben vorsichtiger Beobachter auch die Sittlichkeit umstoßen. Ich habe mir schon öfter erlaubt, das, was den Großen und den Kleinen der neuesten Richtung gemeinsam ist, was sie von ihren unmittelbaren Vorgängern unterscheidet, den litterarischen Cynismus zu nennen. Estnisch im vornehmsten Sinne der Philosophengeschichte ist Ibsen, wenn er unaussprechliche Krankheiten und deren Folgen auf die offene Bühne bringt, cynisch in derselben Weise ist Tolstoj, wenn er die Thüren zu dem Schlafzimmer seiner Ehepaare Plötzlich weit öffnet; aber cynisch nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch