Heft 
(1889) 38
Seite
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Deutschland.

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kann. In der Jugend ja - da war's anders! Da streckte auch er die Hand ans nach lockenden Krünzen, da träumte auch er von Ruhm und Gold, vor: tollen Nächten bei Spiel und Wein, von der verschwiegenen Gunst schöner Weiber, und vor seinen geblendeten Augen baute sich eine Wunderwelt voll Glück und Sonnenschein ans, wenn er hinten im Chore stand und mit hoher Falsettstimme seinHeil Cäsar!" piepste.Wartet nur Ihr da vorn Ihr Maulhelden und Zungendrescher! Wenn erst das Wort an Lehnert kommt, an den großen Leh- nert, dann ist's ans mit Euch, rein ans! Heil Cäsar, heil! Verhungern werdet Ihr, auf dem Stroh verkommen, wenn die Welt einmal Lehnert zujubelt, dem gefeierten Lehnert! Heil Cäsar!"

Diesen stillen, uneingestandenen und gar so häufigen Wahn­sinn, für den die Ärzte merkwürdigerweise noch keinen Special- namen erfunden haben, trug er mit sich herum, hungernd, frie­rend, verhöhnt, verlacht jahrelang! Und dann kam er zur Einsicht? Gott bewahre! Grollend trat er den Rückzug an, ein verkanntes Genie, das Opfer verrotteten Geschmacks, falscher Kunstanschauungen. Weh dem, der es unternehmen wollte, ihn aufznklären. Was sprach inan da von seiner kleinen, schiefen Gestalt? Von seiner heiseren, krächzenden Stimme? Der Geist überwindet alles man hätte ihn nur sollen zu Worte kommen lassen!-

-Nun sitzt er schon seit langen Jahren Tag fiir

Tag auf dem abgescheuerten Leder des kleinen Drehschemels, hinten im verstaubten Theaterbnreau. Ein grämliches, ver­wittertes Männchen ist aus ihm geworden. Zahlreiche Direk­toren und Regisseure, eine Völkerwanderung von Schauspielern hat er an sich vorbeiziehen sehen, zwanzigmal ist unter seinen Augen das Repertoire des Theaters umgestaltet worden, heute herrschte das Schauspiel, morgen die Oper, übermorgen die Operette, alles hat sich, wer weiß wie oft, von Grund aus ver­ändert, nur Lehnert ist treu auf seinem Posten geblieben, ans dem knarrenden Drehschemel im Theaterbureau, eilt altes, un­entbehrliches Möbel, das jeder Direktor mit übernehmen muß in seinem eigensten Interesse. Mit der Vergangenheit hat Lehnert völlig abgeschlossen, nur ein unauslöschlicher Haß ist ihm geblieben gegen diejenigen, welche erreichen, was er einst erträumt hat, in dem ewigen Kampfe zwischen der Direktion und den Mitgliedern ist er der dienstwillige Spießgeselle des Direktors geworden, und kein Mensch versteht sich so gut wie er darauf, die liebenswürdigen Paragraphen jener Sklaven- briefe, die man im Theaterleben mit dem Namen Kontrakte beehrt, gegen das umgarnte Mitglied in schamlosester Weise anszubenten.

Ein Blatt nach dem andern preßt Lehnert auf die feucht- glänzende Platte des Hektographen, ein Blatt nach dem andern steckt er sorgfältig in die viereckigen blauen Couverts, dabei schmunzelt er stillvergnügt und summt eine lustige Operetten­melodie leise vor sich hin.

Es klopft zum drittenmal.

Herein!"

Lehnert hebt unwillig den Kops und schielt über die Brillen­gläser nach der Thür.Ach ^>ie sind's, Winkler? Na was denn schon wieder? Sie kommen auch immer gerade, wenn man am meisten zu thun hat."

Der Eingetretene wirft einen ängstlichen Blick auf Leh­nert er wittert Unheil; wenn dieHerren Sekretäre" gar so hochnäsig werden, das bedeutet uie was Gutes.

Winkler ist ein ziemlich bejahrter Patron, dem man den Komödianten schon von weitem ansieht. Schwarzer Cylinder verschossener Havelok in den Nähten aufgeplatzte Glace­handschuhe und - Lackstiefel, das sicherste Zeichen da­für, daß die Straßenschnhe zerrissen sind und kein Geld zum Ankauf von neuen im Hause ist.

Winkler bürstet verlegen den alten Cylinder.Ich will Sie nicht lange stören, lieb er Lehnert; ist derHerr Direktor zusprechen?"

Was wollen Sie denn vom Direktor? Können Sie das mir nicht ebensogut sagen?"

I ja, gewiß lieber Lehnert, ich ich wollte nur um einen kleinen Vorschuß auf die erste Mouatsgage ersuchen."

Vorschuß!!??"

Mit einem Ausdruck maßlosesten Erstaunens sieht Lehnert dem Bittsteller gerade ins Gesicht.Vorschuß? Schon wieder? Ja, haben Sie denn die Bekanntmachung der Direktion nicht gelesen, daß weitereVorschüsse" unbedingt erst nach Ablauf der Kündigungsfrist gegeben werden?"

Natürlich, Lehnert, natürlich! Aber wir haben absolut keinen Pfennig im Hause, und da doch die Kündigungsfrist heute nacht um zwölf Uhr abläuft"

so kommen Sie gefälligst morgen früh noch einmal wieder!" fällt ihm Lehnert barsch in die Rede, indem er sich seiner Arbeit zuwendet.

Da kommt in Winkler der ganze, mühsam verbissene In­grimm zum Durchbruch.Wissen Sie auch, Lehnert, daß dies verzeihen schon eine Gemeinheit ist? Jeden ^ag stehe ich von zehn bis vier auf der Probe, meine arme Frau souffliert sich rein die Lunge aus dem Halse in dem eisigen Kasten da unten und nun sollen wir hier noch katzbuckeln und schöne Worte machen wegen der lumpigen paar Groschen. Das ist ja ein Skandal! Unsere Pflicht haben wir gethan, gekündigt sind wir nicht-"

Warten Sie's doch ab! Warten Sie's doch ab!" zischelt Lehnert hinter seinem Pulte hervor und spielt dabei bedeutungs­voll mit einem der kleinen blauen Briefe.

Winkler verstummt plötzlich. Die Stirn wird ihm feucht, ein unbeschreibliches Angstgefühl steigt in ihm empor und ver­schlägt ihm die Rede. Trotz aller Mühe ist er nicht im stände, sein Entsetzen vor Lehnerts lauernden Blicken zu verbergen.

Nein, nein, das kann ja nicht sein, das ist wieder nur einer von den liebenswürdigen Scherzen des Herrn Sekretärs. Der aber blinzelt noch immer über die Brillengläser nach ihm hin und läßt den blauen Brief noch immer zwischen seinen dürren Fingern rascheln.

Eiic leichter Schleier legt sich vor Winklers Augen, die Wände scheinen sich um ihn zu drehen . . . Heiliger Gott! Nur hier, vor diesem Menschen keine Schwäche! . . . Er rafft sich mühsam empor:Also ans morgen! Glauben Sie ja nicht, Lehnert, daß ich mich von Ihnen so leicht ins Bockshorn jagen lasse!"

Lehnert zuckt lächelnd die Achseln.Aber was wollen Sie denn von mir? Ich habe ja gar nichts gesagt. Guten Morgen!"

Draußen im Freien schöpft Winkler tief Atem und trocknet sich den Schweiß von der Stirn.

Ist es denn möglich? Ist das grausige Gespenst der Kündigung" wirklich wieder vor ihm aufgetancht mit seinein Gefolge von Thränen, Not, Ratlosigkeit, Verzweiflung?

Soll er wieder vor die Thür gesetzt werden, in einer frem­den Stadt, jetzt mitten im Herbst, wo alle Stellen ver­geben sind und ein halbwegs günstiges Engagement ein Glücks- fang wäre, etwa wie dasgroße Los?" Und er weiß, daß er seine Pflicht gethan hat, voll und ganz, er und seine arme geplagte Frau vom Morgen bis zum Abend. Sogar die Referenten haben sich günstig über ihn ausgesprochen, er kann's jedem beweisen, in seiner Brieftasche trägt er die loben­den Zeitungsausschnitte stets mit sich herum, und nur bei zweien war er genötigt gewesen, ein paar ärgerliche einschrän­kende Nachsätze wegznschneiden. Warum ihm kündigen? Hält man ihn wirklich für unfähig, die lächerlich kleine Gage redlich zu verdienen? Winkler fragt sich, was nun eigentlich aus ihm und seiner Frau werden soll, und je mehr er über seine Lage nachdenkt, desto hoffnungsloser erscheint sie ihm. Im elenden Sommerengagement sind die paar ersparten Thalcr vom vorigen Winter draufgegangen, den letzten Rest hat die fünfzehnstündige Reise in diese Unglücksstadt verschlungen. Dann gab's allerdings ein paar Mark Vorschuß als Angeld auf die