Heft 
(1889) 47
Seite
768
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Deutschland.

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ist, verrät sich freilich immer wieder ganz unwillkürlich in klei­nen Stimmungsbildern und scharfen Lichtern.

Und ebenso unwillkürlich kommt der Dichter, von welchem wir noch viel aufzuraten bekommen werden, in einer köstlichen kleinen Novelle zum Worte, welche den Schluß des Bandes bildet, welche ein reifes, großes Kunstwerk ist und wegen dessen Aufnahme der Verfasser sich entschuldigen zu müssen glaubt. Es ist die SkizzeHeimlos;" eine neue Geschichte vom Peter Schlemihl, der seinen Schatten verloren hat; aber tiefer, pla­stischer, realistischer als bei Chamisso. Ein Kabinettsstück, das den Gedichten in Prosa ebenbürtig zur Seite steht.

Und diese Wirkung wird durch eine Kleinigkeit erreicht. Hansson ist inHeimlos" ganz er selbst. Er ist da kein Nietzscheaner, sondern nach dem süddeutschen Kraftwort Franz Lachnersselber Aner." Er ist der Abkömmling eines alten, an die Scholle gebundenen Bauerngeschlechts, und er ist ein moderner nervöser Schriftsteller. Die Tragik dieser Doppel­natur hat Hansson darstellen wollen, und das ist ihm wunder­bar gelungen, weil er bis in den kleinsten 'Zug hinein reali­stisch blieb und sogar die Symbolik dieser Dichtung nicht von einem Philosophen zu borgen braucht, sondern auch sie ganz mystisch und realistisch in seiner eigenen Seele fand.

Kteine Kritik.

Für eine zeitgemäße neue Ausgabe des Robinson. Robinson war dem Hungertode nahe, als seine Augen Plötzlich auf einen wilden Cacaobaum fielen, der wie zum Hohne auf dem schönsten Platz des menschenleeren Eilands hingesetzt war. Da Robinson keine Flügel hatte, war es ihm unmöglich den Gipfel des Baumes zu erklettern und die nahrhaften Früchte zu erreichen. Wie erstaunte er aber, als er unten am Stamme einen kleinen Spalt bemerkte und darüber eine Inschrift, welche besagte: Nach Einwurf eines Zehnpfennigstückes werde ein Viertel­pfund Chvkolade (bestehend aus reinem Cacao, Vanille und Zucker) aus der Höhe herunterfallen. Glücklicherweise fand sich am Strande eine Menge kleiner flacher Steine, welche genau das Gewicht eines Zehn- Pfennigstückes besaßen. Robinson benützte diesen günstigen Umstand und nährte sich so lange von Chokolade, bis nach Jahren ein Schiff aus seiner Heimat kam, um ihn heimzuholen. Man kann aus diesem Aben­teuer sehen, wie nützlich die Aufstellung von Automaten auch in Ein­öden zuweilen werden kann.

-i-

Der von dem Herrn Regierungs-Präsidenten Rothe im Casseler Beamtenverein jüngst gehaltene VortragÜber den Kanzleistil" hat nicht mit Unrecht ein wohlverdientes Aufsehen in der staubigen Welt der aktengebärenden Verwaltungsbeamten hervorgerufen. Des General- Postmeisters freilich, welcher den ersten Ansturin gegen das mit den Schnörkeln geistiger Trägheit ausstaffierte und mit den Schmarotzer­pflanzen fremdländischen Wortballastes überwucherte Gebäude der deut­schen Sprache trotz des behaglichen laissor tairs der Gebildeten, trotz der wohlfeilen Witze- und Spötteleien Halbgebildeter, trotz des Passiven Wider­standes der bildungslosen Masse zu unternehmen wagte wird mit keinem Worte gedacht. Auch in dieser Erscheinung liegt implicüts ein Stück altenKanzleistils," welcher den Mitbewerb auf dem Gebiete ge­lehrter Forschungen nur den Männern des herkömmlichen Bildungs­ganges, wie ihn Schule und Akademie bieten, ohne weiteres in vollem Umfange zuerkennt, während er diejenigen Kräfte, welche auf dem anderen Wege des mühevolleren Sichselbstlehrens gründliche Kenntnisse auf dem einen oder anderen wissenschaftlichen Gebiete sich erworben haben, ohne weitere Prüfung von vornherein in die große Masse der obscmri vii-i verweist, oder sie wenn nicht anders mehr möglich wenigstens tot­

schweigt. Herr Regierungs-Präsident Rothe konstruiert in seinem Vor­träge ein vortreffliches Beispiel aus vorhandenem Akten-Material für dieFehler der Überdeutlichkeit und daneben auch noch für einige andere Liebhabereien des modernen Kanzleistils" in folgendem Berichte:

Ew. Hochwohlgeboren haben wir die Ehre, in Erledigung des am Rande vermerkten hochverehrlichen Erlasses vom 28. August d. I. zur Jourualnummer v III 12837 betreffend die Beschwerde des 2. ganz gehorsamst zu berichten, daß mit Rücksicht darauf, daß Ew. Hoch­wohlgeboren schon mittels des auf unseren ehrerbietigsten Bericht vom 2. Mai d. I. zur Journalnummer I) III 10022 unser bezüg­liches Vorgehen gebilligt hatten, wir uns nicht glaubten veranlaßt sehen zu sollen, dem von dem X. in der vorliegenden an Ew. Hoch- wvhlgeboren gerichteten Eingabe vom 12. August d. I. wiederholt gestellten Antrag eine weitere Folge zu geben. Indem wir nicht verfehlen, Ew. Hochwohlgeboren den nebenvermerkten verehelichen Erlaß vom 28. August d. I. nebst den sämtlichen zugehörigen An­lagen desselben hierneben ganz gehvrfamst wieder vorzulegen, ge­statten wir uns ebenmäßig, hierbei gleichzeitig noch zu bemerken, daß wir nach vollständiger Erledigung der fraglichen Angelegenheit nicht unterlassen werden, Ew. Hochwohlgeboren weiteren Bericht zur Sache ehrerbietigst zu erstatten."

An der Hand dieses Beispiels zeigt sodann der Verfasser, wie dieses aus 159 Worten bestehende Musterstückohne Schaden für Deutlichkeit und Höflichkeit in 47 Worte" zusammengefaßt, der Rest von 112 Worten aber alsSpreu, Floskel ohne Inhalt, nicht einmal als tönendes Erz und klingende Schelle" bezeichnet werden kann.

Um derartige Geschmacklosigkeiten zu lesen, brauchen wir uns übrigens nicht erst der unsauberen Arbeit des Aktendurchstöberns zu unterziehen. Vor mir liegt z. B. ein ExemplarSchulgesetze für die hiesige höhere Mädchenschule." Unter Nr. XVI erscheint der nachstehende Satz:

Versetzungen aus einer Klasse in die andere werden durch die Vor­steherin in Konferenzen mit den an der Schule wirtenden Lehrern und Lehrerinnen festgestellt, und können Privatwünsche dabei nicht berücksichtigt werden."

Einer eingehenden Erörterung der hier obwaltenden unrichtigen Satzbildung bedarf es nicht; denn jeder folgerichtig denkende Leser er­wartet selbstredend, daß bei der Fortsetzung des obigen Satzes durch: und können" das ursprünglich herrschende SubjektVersetzungen" beibehalten werden soll, und wird nicht wenig durch die als neues Sub­jekt plötzlich nachhinkendenPrivatwünsche" überrascht.

Eine derartige Satzkonstruktion erscheint mir, um mich eines Ver­gleichs zu bedienen, wie ein Weg, der sich Plötzlich teilt, ohne daß ein Wegweiser Auskunft über die einzuschlagende Richtung erteilt. Der Wanderer zieht natürlich auf der Hauptstraße weiter; aber nachdem er 2 Kilometer im Gefühl der Sicherheit weitergetrvttet ist, steht er plötzlich einer Tafel gegenüber, welche ihm sagt:Der Anschluß an diesen Weg befindet sich an dem 2 Kilometer zurückliegenden Teilpuukte." Daß der Geist diesen Rückweg schneller zurücklegt, als es unserem Wanderer ge­lingen dürfte, thut nichts zur Sache. Beiden bleibt das gleiche un­behagliche Gefühl irre geführt worden zu sein.

Noch weitere Stilblüten aus dem vorhandenen, recht umfangreichen Vorräte hinzuzufügen, möchte vielleicht überflüssig fein und auch ein allzubeschämendes Schlaglicht hinter die chinesische Mauer bureaukratischer Selbstherrlichkeit werfen; nur eine, welche durch ihre unwillkürliche Selbst­kritik vielleicht einzig dasteht, und welche den Vorzug besitzt, nicht kon­struiert, sondern einem lebendigen, gelbgeschwänzten Aktenungetüm wört­lich entnommen zu fein, möge hier noch einen Platz finden. Sie lautet:

In der blödsinnigen Häuslerssohn Weinertschen Vormundschafts­sache benachrichtigen wir u. s. w."

Eine größere Selbsterkenntnis ist doch wohl von dem Kanzleistil nicht zu erwarten.

Der im Vorigen gegebene Grundriß des VortragesÜber den Kanzleistil" wird genügen, um denjenigen, welche aus irgend einem Grunde Interesse für die Sache besitzen, die kleine Schrift lesenswert zu machen. ^

Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin tV., Frobenstraße 33. Truck und Verlag von Carl Flemming in Glogau.