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Nr. 47.
Erscheint Sonnabends
und ist in der Post-Zcitungsprcisliste unter Nr. 1738 eingetragen.
Berlin, den 23. August.
Abonnemrntspreis
bei der Post oder im Buchhandel vierteljährlich 3 Mark.
189V.
Inhakt: Licbestänschnng. Novelle von Lla Hnnsson. — Eilt neues System. Von P. Asumsscn. — Übertreibung des Goethe-Dienstes. Von vr. Heinrich Aränkel-Wciinar. — Lebensgemeinschaften. Von Or. Theodor Jacnsch (Schluß). -- Der ansteckende Wahnsinn. Nach Don Juan Engenio Hartzenbusch. Bon C. Trog. — Ola Hanssons Schriften. Von F. M. II. — Kleine Kritik.
LiebestZusrhurrg.
Novelle
von
GLcr Kcrnsson.
I.
^^^Mräulein Sigrid Bergdahl, älteste Tochter des Doktors in Sollunda, ging den Weg entlang, der vom Walde, an ihres Vaters Wohnung vorbei, durch das Dorf und über die Hügel führte, hinter denen die Ebene lag. Es war zeitig im Frühling, an einem der letzten Tage des April; aber sie hatte schon den Sommermantel und den breitrandigen Strvhhnt angethan; denn während sie zu Hanse in den dunklen Stuben nmherging, hatte das Sonnenlicht draußen so blendend geschienen, daß es ihr förmlich in den Angen wehethat, und als sie die Hand auf das Fensterbrett stützte, wo die Sonne gelegen, brannte es ihr die Haut.
Wie sie ins Dorf kam, wurde ihr Gang unvermerkt langsamer; hier, zwischen Häusern und Strohschobern, hing die Lust unbeweglich über ihrem Kopf, wie eine durchwärmte Decke. Die Leute arbeiteten in ihren Gärtchen, gruben und hackten in der schwarzen, lockern Erde; die Bäume stauden kahl, die Büsche kahl; aber aus allen Rabatten reckten sich grüne Spitzchen, und jeden Augenblick konnten die gelbgrünen oder fleischroten Köpfchen ans ihnen Hervorbrechen, und Pfingstlilien und Aurikeln blühten. In der stillen warmen Luft kam und ging ein Dnft- hanch, den Fräulein Sigrid mit Wohlgefühl einntmete, — ein Duft von feuchter, sonnedurchhitzter Erde und feuchtem, knospendem Wachstum.
Sie ging durch das Dorf und erstieg die Hügel, — in langsamer Gemächlichkeit; denn die Frühjahrsluft drang ihr ermattend in alle Poren. Sie knöpfte ihren Mantel auf und schlenkerte mit den Armen in schläfrigem Behagen und atmete tief in regelmäßigen Absätzen. Sie war so schlaftrunken in
allen Gliedern, daß sie zuweilen ihre Beine nicht mehr unter sich fühlte und dann und wann unfreiwillig stehen blieb, ohne selbst zu wissen, wann sie aufgehört und wann sie wieder angefangen hatte zu geheu. Ihr ganzes bewußtes Leben war aufgesogen von ihren Träumen und stand wie ein halbverwischtes Spiegelbild im stillen Wasser der Unbewußtheit; plötzlich kam,ein Windstoß, die Oberfläche kräuselte, das Bild trübte sich, es wurde zum Gesicht und Nachdenken, sie fühlte Kibitze über ihrem Kopf kreisen und schreien, und draußen auf dem Acker trieb der Pflüger seine Zugtiere an, während die Krähen nach Würmern in den feuchten, dampfenden Erdschollen suchten. Und dann kam wieder etwas, was das alles aus ihrer Seele strich, die Bilder und die Laute, wie der Schwamm die Kreidezeichen von einer Schiefeltafel wischt, — etwas Feuchtes und Warmes, eine wollüstige Müdigkeit, eine Ruhe voller Sonnen- scheiu.
Plötzlich schlug etwas Kaltes ihr ins Gesicht, — es war der Wind, der iiber die Ebene, vom Meere her, gefahren kam. Sie stand auf dem Hügelrücken, vor ihr lief der Weg über die Ebene hin, die flache, unüberschnnliche Ebene mit ihren unzähligen Dorfhüufchen, Pappelreihen und Kirchtürmen, — mit einer schwarzen Thalsenkung zwischen der Höhenlinie, auf welcher sie selbst sich befand, und einer andern, die sich tiefblau im Hintergründe kräuselte — dem Meer.
Ihr schien das alles so schön, wie eine Feenwelt im Märchen, und sie setzte sich auf einen Stein am Wege. Am Grabenraud wuchs eine Bellis, sie brach die Blume und steckte sie an ihr Kleid. Das Wasser im Graben floß murmelnd und plätschernd den Abhang hinab, — eine eintönige Melodie in einer eintönigen Landschaft.
War es das, was ihr das Herz schwer machte: die weite, öde Landschaft und das melancholische Lied des Bachs? Sie wußte es nicht; aber ihre Seele schwoll von Kummer und ihr Herz fühlte Beklemmung. Was wissen wir davon, wodurch Licht und Schatten in unserem Sinn hervorgerufen werden? Er erhellt sich und verdunkelt sich, ohne daß wir selbst etwas