Heft 
(1889) 52
Seite
836
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Seite 836.

Deutschland.

52.

Kteine Kritik.

Oscar Blumenthal hat sein eigenes diesjähriges Stück schon zu Anfang des Theaterwinters auf die Probe gestellt. DasZweite Gesicht" wurde in der vorigen Woche im Lessingtheater aufgeführt. Seit seiuem ersten großen Theatererfolge ist das fällige Saisonstück Blu­menthals von großer Bedeutung für den deutschen Theatermarkt; ein Erfolg wie der desProbepfeil" wirkt bestimmend auf das Repertoire, ja selbst auf die Schauspieler-Engagements der deutschen Bühnen. Da­rum wird die erste Aufführung eines Blumenthalschen Stückes von der guten Hälfte der Zuschauer nicht von der besseren mit einer Auf­regung verfolgt, als wäre man auf der Berliner Börse und als han­delte es sich um die Emission eines neuen Papiers. Da kann es freilich nicht ausbleiben, daß auch die Grafen und Gräfinnen auf der Bühne verständnisinnig mit alten und neuen Börsenwitzen dem Publikum ihre Hochachtung bezeigen. Der Erfolg war diesmal kein vollständiger; in den beiden ersten Akten kam man zwar aus den: Lachen nicht heraus: als aber hierauf die beliebten Rührseenen halb und halb versagten, da ließ allmählich auch die Wirkung der lustigsten Einfälle nach. Denn unser Publikum will bei solchen Lustspielen wenigstens einmal bis zu Thränen ergriffen werden, wenn es dieses Feuerwerk von Witzen als höhere Kunst, als Kunstfeuerwerk gelten lassen soll. Unter den: Ein­druck eines langsamen Verpufsens verließen nun viele treue Verehrer Blumenthals sein Haus mit der Überzeugung, Blumenthals Kraft habe nachgelassen. Damit aber thaten sie dem Verfasser desZweiten Ge­sichts" ein Unrecht an und erwiesen ihrer eigenen Begeisterung für den Tropfen Gift" zu viel Ehre. Blumenthal ist mit seinem sprühenden Witz und mit seiner dichterischen Schwäche der Alte geblieben; es ist ein reiner Zufall, weun die große dramatische Paradeseeue das eine Mal packt, das nächste Mal versagt. Wer ihn um seiner größten Erfolge willen noch für keinen guten Lustspieldichter hält, der wird nicht gleich enttäuscht, weil das große Deklamativnsstück im dritten Akte von Fräu­lein Groß nicht so siegreich gespielt wurde wie von Frau Niemann- Raabe. Die Handlung ist wieder mühsam zusammengeheftet, die Charaktere zerflattern wieder jedem wirksamen Witzworte zu­liebe, und der Ton der hochgeborenen Herrschaften ist wieder ein ganz unmöglicher. Dabei tritt diesmal noch stärker als sonst hervor, daß Blumenthal seinen handelnden Menschen kein Gewissen gegeben hat oder vielmehr, daß er sich über ihre sittliche Weltanschauung täuscht. Er bringt gern gemischte Charaktere auf die Bühne, Personen, welche weder Engel noch Teufel sind, und daraus soll ihm wahrhaftig kein Vorwurf gemacht werden. Wohl aber daraus, daß er so einen pointenreichen Herrn als einen angenehmen Schwerenöter hinstellt und daß dieser Herr uns als ein ganz ungewöhnlich jämmerlicher Schuft erscheint. ImZweiten Gesicht" ist Graf Mengers so eine Gestalt; als blutige Satire auf einen adeligen Schnldenmacher wäre dieser Mann zwar zu unfein, zu karrikiert, aber trotzdem noch eine künstlerische Schöpfung; der Verfasser jedoch hat eine Satire nicht beabsichtigt, hat diesem Nichtgentleman vielmehr sehr viel Sympathie zugewendet. So ist der Vorwand einer satirischen Absicht unhaltbar, und mit der künst­lerischen Wirkung fliegt am Ende ein gutes Stück der theatralischen fort. Ich sehe dabei freilich nicht ein, warum man Blumenthal um dessen willen, was er nicht kann, dasjenige nicht zugestehen soll, was ihm in hohem Maße zu eigen ist. Er jagt nach Witzen, um sein Stück lebendig zu machen, und dabei wird er oft geziert oder geschraubt. Aber neben diesen künstlichen Witzen sprudelt oft genug sein natürlicher Witz hervor mit Worten von solcher Schlagkraft und so echt geistreicher Fassung, daß sie den Vergleich mit den geflügelten Worten eines Angier nicht zu scheuen haben. Würden diese hundert guten Einfälle natürlich und ungezwungen aus der Handlung und den Charakteren hervorgehen, so wäre Blumen­thal ein großer Lustspieldichter. Er verzichtet aber so vollkommen auf ein natürliches Wachstum seiner Witzworte, daß er selbst den dummen Kerl seines Stückes Blumenthatsche Witze machen läßt. Unter dieser Unwahr­heit leidet dann schließlich selbst eine so gut erfundene Scene wie die im letzten Akte, wo drei Herrschaften sich um die Schulden des armen Grafen balgen. Das hätte eine meisterhafte Possenscene werden können.

Der Titel des Stückes ist wieder ein wenig schief; daswahre" Gesicht hätte es einfach heißen müssen. Aber Osear Blumenthal will zu seinem Schaden niemals einfach sein. km.

William Marschall, Zoologische Vorträge. 1889 und weiter. Erschienen 4 Hefte. (Leipzig, R. Freese.)

Wie in den vor einiger Zeit in diesen Blättern bereits besproche­nenSpaziergängen eines Naturforschers," hat der Verfasser auch iu den obigenVorträgen" die Vorzüge einer auf grüudlichster Keuutnis des Selbstforschers ruhenden lebendigen Darstellung entwickelt, die sich von allem trockenen Belehrungstone freihält. Ebenso ist sie dies aber auch von der in gemeinverständlichen Schriften sonst leider nicht seltenen Oberflächlichkeit, welche meist doch nur ermüdend wirkt. Das Ergebnis ist dementsprechend; die Vorträge bringen sowohl dem Fachmanne Neues, wie sie dem Ungelehrten einen bequemen und zugleich gründlichen Ein­blick in die Betrachtungsweise der vergleichenden Natursorschung unserer Tage verschaffen; beiden aber können sie bei der Durchlesung nur Genuß gewähren. Die bisher erschienenen Hefte behandeln die Papageien, die Spechte und die Ameisen; als nächste Fortsetzungen sollen Schmarotzer­tum, Straußvögel, Kolibris u. s. w. folgen. Die Zusammenfassung derartiger natürlicher Gruppen zu einzeln in sich abgeschlossenen Ganz heiten kann nur als ein sehr glücklicher Gedanke erscheinen, da sie am besten geeignet ist, im kleinen ein getreues Bild vom eigentlichen Wesen der heutigen Forschungsweise und des von ihr Erreichbaren zu geben. Im übrigen versteht es Marschall, die Thatsachen so zusam­menzustellen und zu beleuchten, daß Zusammenhänge zu Tage treten, wie sie gewöhnlich immer nur ein einzelner herausfiudet; obgleich sie nachher sehr schnell auch allgemein einleuchten. Hierher gehören nament­lich auch die Thatsachen der erdweltlichen Verbreitung, welche hier wohl zum erstenmal einem größeren Leserkreise anziehend und faß­lich zu machen versucht wird, was dieser bisher darin vernachlässigte Zweig der Naturforschung wahrlich verdient, so ferne er auch einer all­gemeineren Anteilnahme bis jetzt liegen mag. ll.

Böcklins erhabene Muse. Das neue Bild begegnet wieder vielfach einem verwunderten Kopfschütteln. Es giebt aber auch Betrachter, die sich nicht nur etwas denken können bei dem Bilde, (das wäre sehr wenig, bei Hennebergs Jagd nach dem Glück z. B. lassen sich ganze Romane erdenken, und es ist doch kein gutes Bild), sondern die ein­fach, wenn sie diesem seltsamen Weib ins Auge geblickt haben, nicht mehr voir ihr loskommen können, die das Bild wie gebannt anstarren und immer anstarren, denen es seltsam um die Lippe zuckt und schau­dernd und doch wonnig den Rücken hinabläuft. Mich hat annähernd nur noch ein einziges Bild so dämonisch gepackt und das ist die delphische Sibylle des Michel Angelo. Das Bild läßt sich natürlich nicht be­schreiben; es ist eines von denen, die höchsten, erhabensteil Ernst und tiefsten Humor unlöslich vereinigen. Dies Weib, das welteneinsam ans erhabenem Stuhl in unnachahmlicher Stellung mit eng angeschlossenem Gewände ins Leere starrt, zwingt zur Anbetung; aber wie einem wohl etwa bei der Kunde eines erschütternden Ereignisses ein verlegenes Lächeln um die Lippen irrt, so möchte man sich dieser keuschen Sphinx gegenüber, angesichts dieser leuchtenden Himmelsbläue, durch ein herz­liches Lachen von dem Banne befreien. Einem solchen Bilde gegenüber kann es einem plötzlich klar werden, daß hinter dem trivialen Satz: Du xatimticius au riäioula il lüv a M'uu xas eine viel tiefere Weisheit steckt, als man gewöhnlich ahnt. Und so machen wir uns diese Er­kenntnis zu Nutze, um einen köstlichen Witz des Druckfehlerteufels hier festzuhalten. DieDeutsche Post" hatte den Tod desberühmten schwei­zerischen Dichters" Gottfried Keller gemeldet und fügt dem hinzu:An seinem Sterbebette war unter anderen auch Bocket anwesend."l.

Druckfehler-Berichtigung. In dem ArtikelEin Franzose über Deutschland" in Nummer 51 heißt es im ersten Absatz:Als freilich ein patriotischer Deutscher den Spieß umkehrte und für Frankreich schwärmte, um Deutschland aufzurütteln, als Ludwig Löwe u. s. w." Natürlich war Ludwig Börne gemeint.

Verantwortlicher Redakteur: Fritz Mauthner in Berlin Frobenstraße 33. Druck und Verlag von Carl Flemming in Glogau.