Heft 
(1889) 52
Seite
835
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52. Deutschland. Seit- 8S5.

WjlüenbrurhsHaubenlerche?'

Von

I. M.

er von den derbrealistischen Seenen in Wildenbruchs neuem DramaDie Haubenlerche" chm letzten Sonnabend im Deutschen Theater zum erstenmal aufgeführt) dermaßen überrascht war, daß er von einem Wechsel in des Dichters Kunstübung sprach, der kannte wohl Wilden­bruchs Humoresken nicht und hatte sich gewiß keine Rechen­schaft darüber gegeben, was den Erfolg derQnitzows" ent­schieden hat. Ernst von Wildenbruch zeigt uns seit Jahren zwei einander unähnliche Gesichter; er trügt bald mit unklarem Idealismus und in überhitztem Balladenton tragische Geschichten von großen Morithaten vor, bald schildert er mit gutem und gesundem Humor einfache und lustige Volksgestalten. In den Qnitzows" hatte er die beiden Bilder geschickt und keck mit­einander abwechseln lassen, und die Zuhörer konnten sich an Köne Finke erfreuen, ohne in ihrer Bewunderung für die Trom­petenfanfaren ihres Dichters nachzulassen. Die Mischung war gelungen, nicht die Vereinigung zu einem Ganzen.

So giebt es immer noch einen Wildenbruch im Schlaf­rock und einen Wildenbruch in Ritterstieseln. Er selbst hält gewiß die Ritterstiefel für würdevoller und ahnt wohl kaum, daß sein kleiner ScherzEin Opfer des Berufs" wertvoller ist, als seine geräuschvollsten Tragödieen. Wer aber den Klein­maler Wildeubruch liebgewounen Hat, und ich bekenne diese Schwäche der begrüßteDie Haubenlerche" wirklich froh als den frischen Entschluß des Dichters, die Ritterstiefel ein für allemal abzulegen und mit modernen Menschen Mensch zu sein. Man hat während der ersten Aufführung da und dort behauptet, Wildeubruch Hütte sich dabei von dem großen Er­folge und von der großen Anregung des vorigen Winters, von Ehre" lindVor Sonnenaufgang," beeinflussen lassen. Diese Annahme ist ganz überflüssig; seit zehn Jahren liegt diese Strömung in der Luft, und Wildenbruch hat im Guten und Bösen oft bewiesen, daß er so leicht zu lernen nicht der Mann sei. Dazu kommt, daß seine Art des Realismus eine ganz selbständige und sehr glückliche ist. Er, der geborene Theater­mensch, verzichtet auf die kleinen Theatermittel, und anderer­seits gebraucht er die grobeu Worte nicht um ihrer selbst willen. So war es denn ein volles Vergnügen, als der Vorhang aufging und wir plötzlich in das moderne Leben einer nahe bei Berlin gelegenen Papierfabrik und ihrer Arbeiterhäuser eingeführt wur­den. Da war keine Spur von den überstürzten und unmoti­vierten Handlungen, mit denen Wildenbruch sonst wohl seine Zu­hörer zu überrumpeln sucht. Der Fabrikherr August schwärmt für das Wohl seiner Arbeiter im allgemeinen und für Lene insbesondere, die hübsche Arbeiterin, welche für ihr frühes Auf­stehen und für ihr Singen den abscheulichen Spitznamen Hau­benlerche bekommt. Wir lernen noch Augusts lockern Bruder kennen, außerdem Lenes Mutter, eine gute alte Frau, und deren Bruder, den Lumpensortierer und Sozialdemokraten; da ist endlich der brave Büttgeselle, der Lene heiraten will.

In den beiden ersten Akten des Schauspiels bietet Wilden­bruch eine Reihe von idyllischen Seenen, wie sie so einfach, so wahr und dabei so frei von Effekthascherei ihresgleichen suchen. Der Bruder des Fabrikherrn kommt am frühen Morgen vor Sonnenaufgang mit einem schweren Kater von Berlin nach Hause und plaudert mit Lene; dann lernen wir die Mutter des Mädchens und ihren Onkel kennen und hören die demo­kratischen Reden Augusts an. Wir merken bald, daß er bis über die Ohren in Lene verliebt ist und daß diese esmit dem Büttgesellen hat." August aber verrät seine Gefühle erst, da er seinen Taugenichts von Bruder bei einer harmlosen, kleinen Küsserei mit Lene überrascht. Der Zank der Brüder führt zu der zweiten Idylle, zur Verlobung Augusts mit Lene. Der kindliche Fabrikherr bittet Mutter und Onkel um die Hand des

Mädchens. Köstlich benimmt sich dabei dieser Onkel (von Engels sehr wirksam, aber viel zu possenhaft dargestellt), gut ist die Haltung der Mutter, und wie das Mädchen der Mutter zuliebe ihren Geliebten zu vergessen sucht und ohne Freude die Hand des reichen Mannes annimmt, wie der Geselle das in seinem Schmerz ganz natürlich findet, das ist alles vorzüglich und fast musterhaft realistisch. Nur wenige Züge können Be­denken erregen. Der Fabrikherr hält zu sentimentale Stand­reden, der Büttgeselle spricht etwas romantisch von dem Ver­hältnis zu seiner Schöpfbütte, Lene denkt bei ihrer Verlobung doch gar zu wenig an die gute Partie; aber man denkt, August wird von dem hohen Pferde seiner Prinzipien schon hernnter- kommen, der Geselle ist ein bißchen tendenziös als Idealbild der früheren patriarchalischen Arbeiter gedacht und Lene muß um des dramatischen Fortgangs willen au einer Aussprache mit August verhindert werden. Man giebt darum dem Dichter vorläufig alle Freiheit.

Diese beiden ersten Akte hatten einen vollen und wohl­verdienten Erfolg. Auch die Lösung des einfachen Knotens schien das Beste zu versprechen. Der gebildete Fabrikherr hat denn doch andere geistige und körperliche Gewohnheiten als die kleine Arbeiterin; er würde mit ihr unglücklich werden, sie mit ihm; und da wir es mit lauter ordentlichen und guten Men­schen zu thun haben, so wird August in dem Augenblicke zu­rücktreten, wo er erführt, daß der Geselle außer seiner Bütte auch noch die Lene liebt. Das konnte noch einen hübschen dritten Akt geben, in welchem August über die Liebe der beiden jungen Leute aufgeklärt wurde, und es war nur verwunderlich, daß der Theaterzettel von vier Akten erzählte. Leider erfuhr man bald, was Wildenbruch mit diesem überzähligen Akte vor hatte. Der einfache Weg war ihm zu kurz, er suchte eiuen abenteuerlichen Umweg und zog dazu seine Ritterstiefel an. Der Tangenichts von Bruder verwandelt sich plötzlich in einen dämonischen Bösewicht. Der amüsante Bummler stellt sich als Jago vor, nicht ohne Monologe. Anstatt dem Bruder einfach zu sagen, daß Lene und der Geselle ein Liebespaar sind, sucht er seines Bruders Braut in einer ebenso überflüssigen wie schwülen Nachtseene zu verführen. Auch hier noch giebt es einzelne hübsche realistische Züge; aber die Gewaltsamkeit der Erfindung, die Launenhaftigkeit des Umwegs und die Unzu­sammengehörigkeit zu der ersten Hälfte springt so deutlich in die Augen, daß der Dichter sich um die ganze künstlerische Wirkung bringt. Ob auch um die Theaterwirkung, das blieb bei der ersten Aufführung unentschieden. Ich hatte den Ein­druck, daß das Publikum aus künstlerischen und nichtkünst- lerischeu Gründen schwer verletzt war und den Dichter zum Schlüsse nur noch aus Dankbarkeit für den Anfang hervorrief. Ich glaube, die Leidenschaft für die große Tragödie hat da dem realistischen Wildenbruch einen argen Streich gespielt. Er wollte dem schlichten und heiteren Schauspiel um jeden Preis den Stempel seines Geistes aufdrücken und hat das wahr­scheinlich um den Preis eines einheitlichen und schönen Er­folges gethan.

Glücklicherweise war ihm die Hauptgestalt, die Hauben­lerche, so lieb geworden, daß er ihr wenigstens bis ans Ende treu blieb und sie nur wenig verdarb. Die Gestalt ist nicht neu, aber schön, und überdies eine sehr dankbare Rolle. Fräulein Lehmann, welche im vorigen Jahre unter den Stürmen des Hauptmannschen Stücks entdeckt wurde, bewährte sich in der neuen Aufgabe; nur den stimmlichen Anforderungen der Ber- führungsscene zeigt sie sich leider nicht gewachsen. Um eine bedeutende Schauspielerin zu werden, hat sie aber glücklicher­weise nur Erlernbares zu erlernen.

Außer ihr waren noch vier ehemalige Wallnerschauspieler beschäftigt. Der einzige Herr Kadelburg aber erinnerte gar nicht mehr an den Stil von Berlin O.