Heft 
(1889) 52
Seite
834
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Deutschland.

ÜU 52.

Becker. Man betrachte sich doch einmal diesen Künstler, welcher mir als Typus gilt! Er ist mit allen Ehren ausgezeichnet, die man erlangen kann, er hat die große Medaille, er hat Orden, er ist Präsident jener Körperschaft, welche in einer übel angebrachten Bescheidenheit die sogenannte Blüte der bildenden Kunst repräsentiert, wegen einiger weniger, wahrhaft großer Künstler, die sich in sie verirrt haben; er ist so ganz nebenbei auch noch Maler.

Welcher Künstler hätte sich nicht schon über seine Werke lustig gemacht, wer hätte nicht schon gestaunt über diese Art zu arbeiten, welche allein ein Akademieprüsident sich gestatten kann, da doch jeder gewöhnliche Sterbliche dabei verhungern würde? Und doch hat dieser Maler die große goldene Me­daille, jene Auszeichnung, welche jeder Künstler in seinem Leben nur einmal erhält, welche nicht für relativ gute Leistungen verliehen wird, sondern nur für absolut Gutes, für wahr­haft Bedeutendes! Ein kluger Mann daraus ersieht, daß es die große goldene Medaille allein nicht thnt, es muß auch noch so ein ganz klein Wenig vom Geiste Gottes dabei sein, und das giebt die Medaille nicht, sondern sie nimmt es oft. Karl Becker aber hat niemals etwas absolut Gutes für die Kunst geleistet, seine Arbeiten sind alle, samt und sonders schwach, manche aber ganz direkt schlecht und sogar eines soliden Arbeiters, geschweige denn eines Künstlers, unwürdig, und seine Auszeichnungen hat er nur zu verdanken dem verdorbenen Zeit­geschmäcke, einem alten ererbten Vorurteile und dessen Kon­sequenzen! Ich könnte mir statt Karl Becker noch manchen anderenAusgezeichneten" als Beispiel ausgewählt haben; aber ich nahm gerade ihn, um möglichst deutlich zu zeigen, wie wenig der künstlerische Wert mit den äußeren Ehren einer Per­sönlichkeit zu korrespondieren braucht.

Wenn nun aber einzelne Arbeiten von Akademiemitgliedern so miserabel sind, so wird man sich gewiß zu der Frage be­rechtigt fühlen: Warum werden denn diese Arbeiten nicht ab­gelehnt? Damit sind wir an dem Punkt angelangt, an dem einzig und allein von einer Wirkung der großen goldenen Me­daille an sich gesprochen werden kann. Diejenigen Künstler, welche jene Auszeichnungen besitzen, unterliegen nicht mehr dem Urteile der Jury. Das scheint mir ein Ding zu sein, an dem man nicht so achtlos vorübergehen sollte! Man hat durch die große goldene Medaille eine Ausstellungssineknre geschaffen, und mit Hilfe jener Auszeichnung kann jeder ihrer Besitzer nachher so viel sündigen, als ihm nur irgend beliebt. Das scheint mir das Unwürdigste von allem zu sein. Dadurch wird denn die ganzehohe Intuition" zu einem Ausgleichgeschüft, und jeder Künstler ist in die Lage versetzt, sich augenblicklich in ästhetische Schulden zu stürzen in Anbetracht des oft sehr problematischen Guthabens ans früheren Zeiten. Er hat ge­wissermaßen seine Kunstleistungen bei der königlichen Akademie angelegt und sieht sich in der Lage eines Mannes, der von Zinsen leben kann, ohne arbeiten zu müssen. Und, was das Schlimmste ist, die angelegten Werte können vollständig nieder­gehen, ohne daß die Akademie von der Zinszahlung entbunden wäre. Wäre jene unglücklich-glückliche Bestimmung nicht, so würde vielleicht ein Teil der Besitzer großer goldener Medaillen von der Bildflüche verschwinden. So sind sie jedoch in Per­manenz erklärt, und man hat nicht nötig, sich auf die Clique zu verlassen, obwohl dieselbe nicht zu unterschätzen ist. Da aber die griechischen Götter, niederträchtig wie sie nun einmal sind, die Menschen, wenn sie ihnen gleichkommen, beneiden, haben sie unter jene Kunstgrößen zuweilen mit lächelndem Ant­litze die Eifersucht als Erisapfel geworfen, so daß man viel­leicht unter anderen Umstünden recht niedliche Überraschungen erleben könnte.

Vom menschlichen Standpunkte aus siud jene privilegierten Maler allerdings zu beneiden. Denn da bei uns noch immer das lächerliche Vorurteil herrscht, daß es eine Auszeichnung ist, seine Werke von der Ausstellungsjury angenommen zu sehen, so ist es kein Wunder, daß jeneGrößen," welche in Farben zu dichten und den Salon mit den Blüten ihresGe­

nies" zu schmücken belieben, ihr Renomme nicht verlieren. Da die Menge ohne jedes Verständnis jeden auf der Ausstellung Vertretenen für bedeutend hält, so imponieren ihr jene Dauer­aussteller um so mehr, und sie freut sich, wenn sie sie trifft und erkennt. Sie hat sich in der Fabrikmarke nicht getäuscht und wird sich von keinem Menschen bestreiten lassen, ans den verworrensten Pfaden moderner Kunst ganz genau Bescheid zu wissen. Und da ihr jene Künstler diesen Vorzug so leicht er- werblich gemacht haben, so liebt sie sie. Äußerlich steht somit alles recht gut, wie sieht es aber inneu aus? Ich rede selbst­verständlich hier nur von den Künstlern, die noch etwas ans sich halten, die es noch nicht nötig gehabt haben, die Defekte ihrer Leistungen durch maßlose Einbildung und akademischen Dünkel zu ersetzen. Wenn ich mich in die Lage eines solchen Künstlers versetze, so muß ich sagen, daß dieselbe für mich höchst peinlich wäre. Ich würde vollständig das Urteil darüber zu verlieren Gefahr laufen, was ich wirklich geleistet habe, da die Annahme meiner Werke mir nicht mehr als ein Zeichen wahr­hafter freiwilliger Schätzung, sondern vielmehr erkünstelten ge­zwungenen Mitleids erscheinen könnte. Selbstverständlich sind derartige Feingefühle nur dort angebracht, wo man sich einer richtigen Beurteilung seiner Leistungen versichert halten kann. Da dieses aber in Berlin in keiner Weise der Fall ist, da wir alljährlich auf den Ausstellungen Arbeiten von abweisbaren Künstlern zu sehen bekommen, für welche selbst die tiefsten Tiefen eines Trödlerladens noch nicht tief genug sind, so sind meine Erwägungen auch eigentlich überflüssig. Ja, das Verfahren der Jury schien mir menschlich näher gerückt durch die Er­wägung, daß jeder sich selbst der Nächste ist, und von diesem Standpunkte aus kann es ihr niemand übelnehmen, wenn sie zeigen will, daß nicht nur prämiierte Künstler Werke erzeugen, die zum Himmel schreien.

Ich habe derbe Wahrheiten gesagt. Wer sich gegen mich wendet, von dem erwarte ich nicht, daß er mir Jrrtümer nach­weist, sondern daß er mir unter den angeführten auch unr­eine falsche Thatsache zeigt. Gelingt ihm dies, so will ich fußfällig um Vergebung flehen, so will ich mich jeder Buße unterwerfen, die er verlangt. Ich will die Akademie Preisen in den höchsten Lagen, ich will ihr Lorbeeren streuen, ihr und ihrem ganzen Anhänge, ich will mich peinigen und kasteien, wie es einem Sünder und Renegaten zukommt, ich will mir das Schwerste auferlegen, ich will Karl Becker für einen großen Künstler ansehen. Ich werde nicht eher ruhen, bis Nathanael Sichel die große goldene Medaille hat. Ich werde die Werke Frieses mit Gefahr meines Lebens einem Könige stehlen und sie verbrennen, und ich werde von der Kreuzigungsgruppe Michael Locks Stücke abschlagen und sie den akademischen Jurymitgliedern zu Briefbeschwerern verehren. Wenn ich nachzuweisen versucht habe, daß der objektive Wert der Ausstellungspreise gleich Null ist, selbst wenn man das ihnen zu Grunöe liegende Prinzip richtig handhabt, so betone ich, daß derselbe durch die bei uns übliche Art und Weise noch weit unter den Gefrierpunkt hernbgedrückt wird. Ich will dabei nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die Preise einen sehr üblen Einfluß auf die schwächeren Elemente in der Künstler­schaft ausüben sowohl in Bezug auf ihre künstlerische Ent­wickelung, als ihren persönlichen Charakter. Um jene imagi­nären Auszeichnungen zu erlangen, ertöten sie oft ihre eigen­artige Begabung, die sie als Revolutionäre verdächtig macht und als gefährlich ansschließt. Noch schlimmer aber ist, daß sie durch erheuchelte Ergebenheit und Unterwürfigkeit gegen die maßgebenden, unfähigen Persönlichkeiten zugleich den Gipfel ihrer Wünsche und die tiefste Tiefe persönlicher Erniedrigung erreichen. Ich möchte bitten, auch diese Thatsache zu wider­legen. Die Buße, zu der ich mich im positiven Falle verstehe, bitte ich oben noch einmal nachzulesen.