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Deutschland.
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heit zu ansprechenden Motiven für Verzierungen und Verschönerungen der Toilette. Wollte man endlich der Naht eine größere Berücksichtigung schenken, so würde auch die Geschmacklosigkeit aufhören, die an jener Stelle zum Vorschein kommt, wo gestreifte Stoffe zusammengenäht werden. Selten fällt es auf, daß die Richtungen der Streifen an den Nähten voneinander abweichen, daß sie beispielsweise am Rücken gerade herablaufen, während sie auf den Schultern in der Richtung dieser, also wagrecht, sich hinziehen, um an den Ärmeln wieder die frühere Richtung anznnehmen. Und doch ist es ein Hauptgebot der Ästhetik der Toilette, daß alles an der Kleidung in einer und derselben, nämlich in der senkrechten Richtung, verlaufe, die der aufrechten menschlichen Gestalt eigentümlich ist.
Diese Bemerkungen wollen nichts weiter als Bruchstücke und Bausteine zu einer Ästhetik der Toilette sein; sie werden aber demjenigen, der eine feine künstlerische Empfänglichkeit als glückliche Naturanlage besitzt, genügen, um ihm den richtigen Weg zur Bethütignng seines Geschmackes in der Wahl der Kleidung zu zeigen, einen Weg, der weitab liegt von den Jrr- güngen der Mode.
Der Wert der Ausstellungspreise.
Von
Jukirrs Gv.
chrhne in Eleusis von Simieradski ist eines der schwächsten Bilder dieses Künstlers, und trotzdem ist es mir eines der liebsten. Nicht der Malerei wegen; aber es hat einem berühmten Künstler Veranlassung gegeben, sich über einen Punkt zu äußern, dessen Klarstellung vom höchsten ideellen wie materiellen Interesse für die bildende Kunst selbst ist. Die Thatsachen sind einfach folgende: Eine künstlerische Körperschaft, ich weiß nicht welche, hatte Simieradski eine Äuszeichnung für genanntes Kunstwerk angeboten; der Maler lehnte aber mit dem Bemerken ab, daß es ihm nicht gezieme, eine derartige vermeintliche Auszeichnung anzunehmen, da dieses gut sei für Schüler, die sich entwickeln sollen, nicht für Meister, die mit ihrer Entwickelung fertig sind.
Ich kann nicht umhin, dem Sprecher dieser Worte meinen innigsten Dank anszudrücken. Er hat ein gutes Werk gethcm, und so hoch einzelne seiner anderen auch geschützt werden, wenn er diesen seinen Worten Geltung verschaffen könnte, so würde er für die Kunst und die Künstler mehr geleistet haben, als er es sonst vermöchte. Jeder, der den Unfug der Malerpreise genau beobachtet hat, wird sich der Meinung des polnischen Künstlers anschließen, ja, er wird noch weiter gehen und vielleicht verlangen, daß gar keine Preise mehr verteilt werden sollen. Ich stehe keinen Moment an, diese Forderung mit dürren Worten auszusprechen.' Weg mit den Ausstellungspreisen!
An Gründen für dieses revolutionäre Verlangen fehlt es mir, Gott sei's geklagt, nicht, und ich zähle sie um so lieber auf, da ich mich mit dem größten Teile der Künstlerschaft eins weiß. Es ist, gottlob! im Reiche der Kunst jener Stamm noch nicht ausgestorben, der glaubt, aus eigener Kraft etwas Gutes zu leisten, ohne daß eine aus meist abgelebten und verständnislosen Maranten bestehende Körperschaft ihren Segen dazu aus dürren, zitterigen Händen herabstreut. Das ist der Hauptgrund, der beste Teil der Künstlerschaft arbeitet auch ohne Preise', und somit sind sie eigentlich ihrer Existenzberechtigung beraubt. Der wahre Künstler wird sich nicht durch Preise dazu anregen lassen, dem Ideale, das er in sich trägt, Verkörperung zu schaffen; der Gott, der ihm im Busen wohnt, erregt ihn, oder der Fetisch; aber es ist immer etwas Inneres, Geistiges, nicht etwas Äußeres, Materielles, das ihn nicht ruhen läßt. Wer Medaillen nötig hat, um Kunstwerke zu schaffen, der gebe das Geschäft ruhig auf, für den ist die Kunst nicht da.
Man wird mir indes einwenden, daß die Preise nicht sowohl zur Aufforderung zum weiteren Schaffen, als vielmehr zur Belohnung für Geleistetes verliehen werden. Auch in diesem Sinne haben sie wenig Wert. Denn glaubt man wirklich, daß dem wahren Künstler gegen die Befriedigung, die er aus dem eigenen Kunstwerk genießt, eine Medaille in Betracht kommen kann? Ist ein Künstler soweit, daß seine Leistungen eines Preises würdig sind, so bedarf er desselben am allerwenigsten.
Doch das sind alles theoretische Betrachtungen, welche vor einer einzigen praktischen Thatsache in den Wind gehen, daß nämlich der Preis eine Andeutung ist, die einen Künstler vor den anderen hervorhebt, seinen Wert höher erscheinen läßt, mithin der Anschauung Geltung verschafft, daß man seine Werke besser bezahlen muß. Hiermit ist die ganze Frage auf das Gebiet des Mein und Dein hinübergespielt, und ich thue es um so lieber, diesen Punkt ganz besonders zu betonen, als man derartigen Erwägungen, wie etwas Kunst und Künstler Entwürdigendem ans dem Wege geht, als ob die Künstler nicht ebensogut essen müßten als wie andere Leute auch. Der Kernpunkt scheint für mich der zu sein, daß der Preis befähigt ist, einem Künstler materielle Vorteile zuzuwenden, und nur deshalb beschäftige ich mich mit der ganzen Frage. Ich will nicht, daß gewisse Künstler, die es nicht verdienen, den Rahm abschöpfen und anderen das blaue Wasser übrig lassen. Ich will den Stier bei den Hörnern packen und werde mich darin nicht beirren lassen von gewissen hochidealen Blaustrumpf-Ideen, von gewissen falschen Rührseligkeiten einiger Leute, die für die Kunst nichts- weiter übrig haben als diese, und um so lieber, als sie nicht das mindeste kosten, sich aber wunderschön anhören.
Ich habe in meiner früheren Arbeit über die Malerpreise 1890 gezeigt, wie wenig der mit der großen goldenen Medaille ausgezeichnete Maler Konrad Kiesel diesen Preis verdient hat. Ich habe nicht weniger gezeigt, wie einer der größten Künstler leer ausgegangen ist; es würde mir jedoch nicht schwer werden, diese Beispiele um einige Dutzende aus den letzten fünf Jahren allein zu vermehren. Ich gestehe, daß ich bei Betrachtung aller dieser Thatsachen nur schwer meiner Erregung Meister werden kann. Es ist mir unbegreiflich, wie derartige Auszeichnungen, da doch ihr Unwert klar am Tage liegt, in den Augen der Künstler und des Publikums noch irgendwelchen Wert haben, und diese Thatsache ist eben nicht anders zu erklären als dadurch, daß dem Künstler durch Verleihung derartiger Auszeichnungen materielle Vorteile znfließen. Denn man wird doch niemand Anreden wollen, daß es das Prestige eines Künstlers erhöht, wenn er ausgezeichnet wird. Man vermischt eben vollständig Ursache und Wirkung. Der Künstler bekommt oder sollte die Auszeichnung erhalten, weil er bedeutend ist, und nicht ist er bedeutend, weil er die Auszeichnung erhält. Und in welchen Augen will man ihn erhöhen? In denjenigen der großen Masse? Der Künstler, der danach strebt, der läßt sich am besten sogleich begraben. In den Augen der Kunstverständigen? Du lieber Hunmel, was die von der Berliner Ausstellungsjnry lernen werden, das haben sie sich schon sehr, sehr lange an den Schuhsohlen abgelaufen. Es wäre der Jury doch sehr heilsam, wenn sie selber die Freundlichkeit Hütte, bei den Kunstverständigen ein klein wenig, aber recht aufmerksam in die Lehre zu gehen, schaden kamt es ihr nichts; aber sie würde dann vielleicht nicht wie die blinde Henne bei der Preisverteilung auch einmal ein Korn finden, sondern sie würde dann mit einigem Bewußtsein an ihr Werk gehen, und soweit es ihr überhaupt möglich ist, etwas Ersprießliches leisten.
Wenn sich doch die Künstler nur eines vorhielten! Vor ihnen sind doch auch gewisse Leute gewesen, die mit Preisen bedacht waren; was ist denn ans denen geworden? Ich nehme am besten ein konkretes Beispiel und geradezu einen Inhaber der großen goldenen Medaille heraus, einen Mann, der durch seine Stellung die Akademie der Künste repräsentiert in bereits mehrjähriger Präsidentschaft. Ich meine selbstverständlich: Karl