Heft 
(1889) 52
Seite
832
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Deutschland.

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den einheimischen Genremalern die schönsten Motive zu 'ihren unübertroffenen Farbeneffekten geboten. Wenn aber der bil­dende Künstler moderner Zeit das Zeitkostüm unbenützt läßt und entweder auf das antike Gewand zurückgeht oder eine Phantasietoilette komponiert, so beweist das nur, daß die mo­derne Kleidung des Schönheitselementes entbehrt. Dasselbe wieder zu erlangen, wird ihr nur mit Hilfe der Wissenschaft gelingen. Zum Gelingen wollen diese Zeilen das ihrige bei­tragen.

Unsere Aufgabe kann aber nicht sein, mit wenigen Worten das ganze System einer Ästhetik der Toilette zu entwickeln; wir wollen nur einige Bausteine zu einer solchen Ästhetik Zu­sammentragen und andeuten, daß in dasselbe jedenfalls die Lehre vom Bekleidungsstil, dann die Farbenlehre und die Lehre von der Proportionalität der menschlichen Gestalt ausgenommen werden müßte.

Sollen wir nun eine Erfahrung aus der Stillehre für die Bekleidungskunst verwerten, so brauchen Wir nur die Be­deutung des AusdruckesStil" zu bezeichnen, und die Nutz­anwendung dieses Ausdruckes für die Toilettenkunst wird sich fast von selbst ergeben. Wir können kurz sagen, daß der Stil die Angemessenheit der Form an die Erscheinung, und daß der Stil in der Toilette nichts weiter ist als die Angemessenheit der Bekleidung an die menschliche Gestalt. Stilvoll wird also nur jenes Kostüm sein, das sich in diskreter Weise den Körper­formen anschmiegt und ihnen in der Bewegung und Richtung ungezwungen und gleichsam durch den Geist des Trägers be­seelt, folgt. Wem einmal das Gefühl für das Stilvolle in der Toilette erwacht ist, der wird die großbauschige, weitfaltige Robe entschieden geschmacklos finden, dagegen den schlichten, gefältelten Rock vorziehen, der wird auch den Ärmel, der an der Schulter einen großen Bausch bildet, sicherlich als stillos bezeichnen.

Neben dem Stilgefühl kommt fiir die Toilettenkunst die Farbenempfindung schon aus dem einfachen Grunde in Betracht, weil die Toilette aus farbigen Stoffen zusammengesetzt ist, eine Zusammensetzung, welche jedenfalls nicht willkürlich, sondern nur nach dem Gesetze der Farbenharmonie geschehen kann. Die Farbenlehre giebt eine Anleitung zur Wahl der Farbe des Kleides, die mit dem Teint harmonieren soll. Beispielsweise empfiehlt sich für einen blassen Teint die grüne Farbe, weil zu rot die grüue Farbe die komplementäre ist, so daß eine weiße Gesichtsfarbe in grüner Umgebung wie mit einem rosigen Hauche gemengt erscheint. Die Farbenlehre sagt uns ferner, welche Farbe für die Tages- und welche für die Abendtoilette zu wühlen ist; denn einen anderen Eindruck machen die Farben bei künstlicher, einen anderen bei Sonnenbeleuchtnng.

Nun wollen wir noch ein Kapitel aus der Lehre von der Verhältnismäßigkeit des menschlichen Körpers herausheben, um diese auf die Bekleidungskunst anzuwenden.

Die proportionale Gesetzmäßigkeit in dem Bau des mensch­lichen Körpers läßt sich durch die sogenannte harmonische Pro­portion formulieren, welche ausspricht, daß sich der ganze Körper zu dem von den Hüften bis zur Ferse gehenden Teile des­selben ebenso verhält, wie dieser untere Körperteil zu dem oberen, der vom Scheitel bis zur Hüfte reicht. Wenn man jeden Teil des Körpers für sich als Ganzes betrachtet und dieses in zwei ungleiche Teile teilt, so muß sich wieder das Ganze zu dem größeren Teile, so wie dieser zu dem kleineren Teile verhalten, soll das Ganze eine proportionale Schönheit aufweisen.

Dieses Proportionalitütsgesetz läßt sich auf einzelne Fragen der Toilette in Anwendung bringen. Es ist beispielsweise nicht gleichgültig, welche Höhe ein Hut hat; denn nur jene Kopf­bedeckung, deren Höhe zur Länge des Gesichtes in harmonischer Proportion steht, wird sich als kleidsam erweisen. Die har­monische Proportion giebt das erwünschte Mittel an die Hand, um die Höhe des Hutes zu bestimmen, welche mit der be­stimmten Länge eines Gesichtes derart harmoniert, daß der Hut seinen Träger gut kleidet. Wir wollen sofort an einem Bei­spiele zeigen, wie dieses Mittel anzuwenden ist.

Um die Höhe des Hutes zu bestimmen, denke man sich den Kops samt seiner Bedeckung als Ganzes, dessen größerer Teil jene Gesichtspartie ist, welche vom Kinn bis zur Mitte der Stirn reicht, während den kleineren Teil dieses Ganzen eben die fragliche Höhe des Hutes ausmachst die man als eine unbekannte Größe mit x bezeichnen mag. Nehmen wir z. B. an, daß der größere Teil, der jederzeit abgemessen werden kann, 12 cm betrügt, so wird die harmonische Proportion folgender­maßen lauten: (12 st- x) : 12 12 : x, d. h. die Länge des Gesichtes, vom Kinn bis zur Mitte der Stirn gerechnet, ver­mehrt um die Höhe des Hutes, verhält sich zur Länge des Gesichtsteiles allein, wie diese Länge zur Höhe des Hutes. Werden die beiden äußeren Glieder der harmonischen Propor­tion, und ebenso die beiden inneren Glieder je miteinander multipliziert und diese Produkte einander gleichgesetzt, so erhält man die Gleichung: (12 -st x) . x 12 . 12, aus welcher sich die sogen, quadratische Gleichung: x x 2 st- 12 x 12 - er- giebt. Aus dieser Gleichung läßt sich der Wert für das un­

bekannte Glied nach der Formel

folgendermaßen berechnen: x

-st u-

12ä

Wir bekommen dann: x ---- 6 st- !,/ ^ st- 144 oder

x Ost- ^ ^0 und dieses ergiebt x 0 st ^ 180,

woraus x 6 st- 13 . 416 und schließlich x 7 . 416 resultiert.

Damit haben wir die Höhe des Hntes gefunden, welcher ein Gesicht von 12 cm Länge gut kleiden soll. Diese Höhe betrügt nämlich 7 .416 cm und ist sicherlich mit einer den gesuchtesten Anforderungen entsprechenden Genauigkeit ermittelt.

In ähnlicher Weise kann die Höhe der Coiffüre oder die Länge der Taille und dergleichen gefunden werden.

Für den, der sich das Gefühl für proportionale Eben­mäßigkeit angeeignet hat, eröffnen sich hier weitere Gesichts­punkte für die Ästhetik der Toilette, einem solchen wird es erst so recht klar, welche wirkungsvolle Stelle der Gürtel unter den Toilettegegenstünden einnimmt. Er dient dazu, um die pro­portionale Teilung des Rumpfes von dem unteren Teile des Körpers ersichtlich zu machen; dieselbe Aufgabe füllt dem Hals­band für den oberen und dem Saum der Robe für den unteren Körperteil zu.

Dem seinen Geschmacke erscheint die Führung mehrerer wagrechter Streifen über den Rock als vom ästhetischen Stand­punkte verwerflich, weil dadurch die proportionale Gliederung gestört wird, wogegen Lüngsstreifen durchaus geschmackvoll sind, weil sie in die Richtung des proportionalen Aufbaues fallen. Aus demselben Grunde mißfallen karrierte Stoffe einem aus­gebildeten Geschmacke, und dies um so mehr, weil die anein­ander gereihten Quadrate einen trostlos einförmigen Eindruck machen und in das Linienspiel, das bei der ausschreitenden Gestalt in der Kleidung nachklingen soll, störend einfallen.

Erwähnung verdienen schließlich noch die Nähte, besonders die an dem rückwärtigen Teile der Taille, weil sie ebenfalls in der Richtung der proportionalen Gestaltung verlaufen. Schon die Mißlichkeit, die in der Zusammenstückelung der einzelnen Stoffteile liegt, sollte uns gebieten, aus der Not eine Tugend zu machen und die Nähte durch Verschnürungen zu verdecken, so wie man es ja thatsächlich an jenen Taillen sieht, die nach dem Muster des sogen.Dolman" der Kavalleristen gefertigt sind. Aber es scheint, daß die Not der Nähte kein ästhetisches Gebot kennt; denn diese treten offen zu Tage, und wohl selten nimmt jemand daran Anstoß, daß die unverdeckten Nähte das beängstigende Gefühl erwecken müssen, als gingen sie in jedem Augenblicke auseinander.

Die Verdeckung der Nähte durch Schnüre giebt Gelegen-