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als etwas so Selbstverständliches und Geringfügiges, wie in Hamburg und Bremen. Allein geographische Reisen werden doch gerade an diesen Orten in dem Augenblick Interesse erregen, wo sie neue wirtschaftliche oder wissenschaftliche Gesichtspunkte eröffnen. Letzteres war bei Marburgs Vortrag der Fall, welcher durch Vergleichung gleichartiger pflanzengeographischer Landschaften den Nachweis von der Verwandtschaft der Flora in den Alpenregionen Europas und Centralasiens erbrachte, daneben aber in seiner Kennzeichnung der Pflanzenwelt des tropischen Asien und seiner Inselwelt, sowie derjenigen Australiens die großen Konturen von Wanderungen zog, welchen die asiatische Pflanzenwelt von Osten nach Westen gemacht hat. Ähnlich wie Bastian für das Rohmaterial der Völkerkunde, erhob Marburg für die Pflanzenforschung den dringenden Warnnngsrnf, daß die unerbittlich vordringende europäische Kultur nicht das majestätische Urbild der Natur, wie es sich beispielsweise in den Urwäldern von Celebes und den Molukken noch biete, auf Java aber schon großenteils vernichtet sei, zerstöre.
So waren wir bei der Kennzeichnung der vom Vorstände der Gesellschaft gerade im Hinblick auf Bremen ausgesuchten Vortragsgegenstünde beinahe dahin gekommen, das chemische Element, welches trotz alledem der diesjährigen Versammlung die Signatur gab, zu vernachlässigen. Wir gestehen, daß es nicht ganz ohne Absicht geschah. Diese Zeitschrift hat in Robert Henriques einen so sachkundigen und geschickten Darsteller chemischer Fragen gefunden, daß es für einen Berichterstatter, der sich in der Chemie zu den Laien zählen muß, vermessen wäre, den Darstellungen vorzugreifen, zu welchen die Leitung dieser Blätter gewiß jenen berufenen Mitarbeiter wird vermögen können. Wir müssen daher auch für die bloße Andeutung des aus der Bremer Versammlung Gebotenen, die wir der Vollständigkeit halber nicht unterlassen mögen, an die Nachsicht der Kundigen appellieren. Zwei der gehaltenen Vorträge waren geschichtlichen Charakters. Herr von Hofmann gab in einer Abhandlung „Einige Ergebnisse der Naturforschung seit Begründung der Versammlung" einen Überblick über die ganze Entwickelung der Naturwissenschaften in diesem Jahrhundert, häufig gewürzt mit seinem schelmischen Humor, der seine Vortrüge für alle früheren Hörer zu einer bleibend genußvollen Erinnerung macht. Wenn er auch auf die Chemie zuletzt kam, so merkte man doch wohl, daß er hier erst auf dem eigentlichen Felde seiner Neigung sei. Die Art, wie er die Entwickelung der modernen Chemie, die in den zwanziger Jahren entstandene Gasindustrie, dann die durch ihn selbst zu ungeahnter Blüte erhobene Darstellung der Anilinfarben aus dem Steinkohlentheer, schließlich die Triumphe der künstlichen Darstellung organischer Stoffe von der Harnstoffsynthese Wühlers bis zu der des Traubenzuckers durch Fischer in unseren Tagen schilderte, prägt sich dauernd dem Gedächtnis ein. Entsprechend Hofmanns praktischer Richtung traten bei ihm die neuere theoretische Chemie, von welcher Henriques in diesem Blatte einen der wesentlichsten Teile behandelt hat, ferner die allerjüngsten Bestrebungen der Atomenphysik zurück. Von nicht geringerem Werte war der Vortrag Professor Rosenthals in Erlangen über Lavoisier, dessen an der Schwelle der neueren Chemie und Physiologie stehende Erkennung des Verbrennungsprozesses als einer Verbindung von Brennstoffen mit Sauerstoff, des Atmnngsvorgangs als eines Verbrennungsprozesses und der tierischen Wärme als Begleiterscheinung dieser Verbrennung nicht nur die heutige Chemie begannen, sondern auch die mechanische Wärmelehre vorbereiteten.
Auf einem ganz anderen Felde liegen die Vortrüge von Engler über das Erdöl, deren theoretische Bedeutung neben ihren wichtigen wirtschaftlichen Aufschlüssen in dem Nachweis der Entstehung des Petroleums aus fossilen Tierstoffen liegt, wofür vor allem Englers Experimente sprechen, mit denen es ihm gelang, unter hohem Druck aus Thran Erdöl zu erzeugen, während zwei andere Redner sich ausschließlich auf wissenschaftlich spekulativem Wege befanden, der eine, Ostwakd in
Leipzig, gestützt auf die vor: ihn: nach Arrhenius und van t'Hoff angebahnte enge Verbindung von Physik und Chemie, der andere, Winkler, der verdienstvolle Entdecker des jüngsten Elements, des Germaniums, kühn in die Regionen der „Philosophie der Chemie," wie Hofmann es nannte, emporstieg. Professor Ostwald in Leipzig behandelte die durch die neuesten Beobachtungen der chemischen Zersetzung durch den galvani scheu Strom gewonnenen Anschauungen von den Eigenschaften der Element-Atome, von denen jetzt erkannt ist, daß sie, auf elektrischem Wege gewonnen, viel leistungsfähiger sind, als wenn die gleichen Stoffe auf anderem Wege gewonnen sind, weshalb angenommen wird, daß ihre kleinsten Teilchen als Elektrolyte mit Elektricitüt geladen einzeln frei den Strom passieren. Auf dieser erkaunteu leichteren Souderungsfühigkeit der Atome in bestimmten Zuständen ist wohl auch die von Winkler weiter ausgeführte Anschauung hervorgegangen, daß auch unsere chemischen Elemente auf der Erde erst die Produkte einer allmählichen besonderen Gruppierung von Atomen sind, welche in einem früheren Zustande der Erde in höherer Temperatur lediglich Teile einer einzigen klrmaterie waren und daß diese vielleicht zusammenfüllt mit dem den Kosmos durch dringenden Lichtüther, dessen Schwingungen durch die Versuche von Hertz als den gleichen Bewegnngsgesetzen wie die Elektricitüt unterworfen erkannt sind. So möchten wir denn znm Schluffe auch einiger bemerkenswerten, in das Gebiet der Hertzschen Versuche einschlagenden Versuche gedenken, welche in der Sektion für Physik die große Aufmerksamkeit der anwesen den Forscher erregten. E. Lechner in Wien hat nachgewiesen, daß die von Hertz bisher nur für die Leitung der Elektricitüt in Luft, aber nicht im Draht gefundene gleiche Geschwindigkeit von Licht und Elektricitüt auch bei der Leitung durch Draht statt hat, und Elster und Geitel in Wolfenbüttel haben eine andere Ergänzung zu diesem Versuchsgebiet geliefert, indem sie zeigten, daß eine elektrisch geladene Leydener Flasche durch Belichtung entladen wird. So hat auch diese Versammlung nicht nur den Schatz der Einzelthatsachen bereichert, sondern auch in der Erkenntnis der Natnrvorgünge durch Erhebung der bisherigen Erkenntnisse zu höheren Begriffseinheiten einige wesentliche Fortschritte gezeitigt.
Zur Ästhetik der Toilette.
Von
Mcrirrrir^ Koffmernn.
(^l^^enn wir es versuchen, in die Toilettefragen eine wissen- schaftliche Methode zu bringen und die Errungenschaften der Ästhetik als der Wissenschaft vom Schönen für die Bekleidungskunst zu verwerten, und wenn wir zeigen, wie der Modeteufel am wirksamsten durch die Fackel der Wissenschaft ausgetrieben werden kann, so leisten wir der Toilette nur einen schuldigen Gegendienst; denn sie war es, welche die Kunstgeschichte darüber belehrte, daß die Franentoilette den bildenden Künsten, der Architektur, Plastik und Malerei in alter und neuer Zeit die schönsten Anregungen gab.
Die Sitte der ägyptischen Dame, in ihr Haar Lotosblumen zu stecken, war das Hauptmotiv zur Ausbildung der ägyptischen Säule mit dem sogenannten Lotoskapitül, indem die Säule als ein Bündel von Blumenstengeln dargestellt wurde, zwischen denen Lotosblumenkelche staken. An den reichen Falten der griechischen Damentoilette entfaltete sich der Genius der antiken Bildhauer, bei deren Gebilden im edelsten Sinne des Wortes Kleider Leute machten, da sie es verstanden, das individuelle Leben ihrer Gestalten bis in die äußersten Fültchen und Säumchen ausströmen zu lassen und die Gewandung als die Resonanz der Seele des Trägers darzustellen. Und in neuerer Zeit haben die Atlasroben der holländischen Damen