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Deutschland.
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Siemens, aber auch zum aufrichtigen Leidwesen zahlreicher Führer und Freunde der Naturwissenschaft beseitigt und durch neue ersetzt wurden, welche an die Stelle der alten, freien Wanderversammlung eine stehende „Gesellschaft" als gelehrte Korporation setzten, war die Wahl des nächsten Stelldicheins mit besonderer Vorsicht zu treffen. Aber gerade über diesen Punkt haben von jeher bei der Naturforscherversammlung wechselnde Stimmungen des Augenblicks entschieden. Schon damals lag die Einladung der Universitätsstadt Halle vor; aber den Sieg trug die von dem betagten Bremer Arzte IM. Heinrich Peltzer mit großer Wärme verfochtene Einladung Bremens davon, wo die Versammlung zum letztenmal im Jahre 1844 getagt und der einladende I)r. Peltzer selbst als junger Mediziner daran teilgenommen hatte. Unseres Erachtens ist es gerade gut, wenn als Ort der Naturforscherversammlung Universitätsstädte und Städte des praktischen Lebens miteinander abwechseln. Allein im vorigen Jahre mochte gerade die Wahl Bremens wegen der einen Monat vor der Naturforscherversammlung in Aussicht stehenden Abhaltung des internationalen medizinischen Kongresses in Berlin als ein besonderes Wagnis erscheinen. Es war nicht zu vermeiden, daß die letztere Versammlung, welche in ihrer imposanten Großartigkeit alle vorangegangenen übertraf, auch ihre ältere deutsche Schwester in Schatten stellte. In einer Beziehung machte sich dieser Umstand auch empfindlich in Bremen geltend. Der Vorstand der neuen deutschen naturforschenden Gesellschaft, Professor A. W. von Hofmann aus Berlin, welcher nun an Stelle der lokalen Geschäftsführer den Vorsitz führte, teilte in seiner launigen Abschiedsrede mit, er habe sich die Finger krumm geschrieben, um Mediziner für Vortrüge in den allgemeinen Sitzungen zu gewinnen, aber vergebens. Der Berliner Kongreß hatte in dieser Beziehung den Rahm abgeschöpft und außer einem Bortrag von dem Norderneher Badearzt Rode über die dortige Kinder- heilstütte, der bei all seiner anerkennenswerten philanthropischen Tendenz doch ein klein wenig von Reklame, wenn auch von erlaubter, an sich hat, enthielt das allgemeine Programm der Versammlung keinen einzigen medizinischen Vortrag. Da Bremen auch keine Universitätskliniken oder ähnliche Institute besitzt, mußte die Medizin auch in den Sektionen naturgemäß zurücktreten, und sie war diesmal in der Thal, wie in dem Titel der Gesellschaft, nur ein Anhängsel, während sie in den meisten der früheren Versammlungen, besonders neuerer Zeit, im Vordergrund gestanden hatte.
Im Interesse der Naturwissenschaft als Ganzes kann man diesen Umstand aber nicht beklagen, und wir meinen, es kann der Natnrforscherversammlung ebenfalls nur zum Vorteil und zur Genugthuung gereichen, wenn sie wieder einmal etwas lebhafter an die allgemeinen Diseiplinen erinnert wird. Freilich war auch hierfür die Zusammenstellung der gewühlten Themen keine eigentlich charakteristische, und es scheint sich, wie es in der Natur der Sache liegt, einiges Zufällige eingedrüngt zu haben. Anziehend ist es, den Erwägungen nachzngehen, welche allem Anscheine nach diesmal den Vorstand bei der Wahl der Vortragenden und der Gegenstände geleitet haben. Hier scheint das aus Wissenschaftlichkeit und schlauer praktischer Erwägung zusammengesetzte Naturell Hofmnnns entscheidend gewesen zu sein. Daß die allgemeinen Vortrüge großenteils der Chemie entnommen waren, mag vielleicht auch ein wenig dem Zufall zuzuschreiben sein. Es ist aber immerhin ein charakteristisches Zusammentreffen, daß auch der Vorsitzende eben der berühmte Chemiker Hosmann war. Immerhin läßt die Wahl der chemischen Gegenstände rein wissenschaftliche Motive erkennen, wenn sie auch, wie bei Professor Oswald, zugleich agitatorische waren, um für seine neue Richtung zu wirken. Allein Professor Hofmann berücksichtigte auch weit mehr, als es bisher üblich war, die für die Versammlung gewählte Örtlichkeit bei der Auswahl der Themen. Bremen als künftige Seestadt war der Grund, weshalb der Oberbaudirektor Franzius, der Leiter der großartigen Weserkorrektion, welche durch Vertiefung des Flußbettes auf fünf Meter Bremen nach Jahren und Jahr
zehnten erst wirklich zur Seestadt machen soll, herangezogen wurde, um den für das Laienverstündnis ziemlich schwierigen Vortrag über die Bewegung der Flutwelle von Helgoland bis Bremen zu halten, von welcher die künftige Seestadt nahezu allein abhängig ist. Wir erfuhren daraus, daß diese Flutfrage durchaus keine einfache Sache ist und keineswegs allein von der Kombination der Anziehung der Sonne und des Mondes auf die Erde abhünge, sondern auch sehr wesentlich von der Beschaffenheit der die Küste bildenden Länder, und daß namentlich das skandinavische Gebirgsmassiv eine so starke Anziehung auf die Meeresflut ausübt, daß sie nach den Mündungen der deutschen Flüsse in südwestlicher Richtung sich in geneigter Ebene nach abwärts, nicht etwa, wie man gemeinhin annimmt, in einer geraden oder lediglich durch das Erdsphäroid bestimmten Ebene bewegt.
Auf die Aufmerksamkeit von Bremen als Seestadt wurde gerechnet bei der Wahl des Vortrages von Professor Carl Chun in Königsberg über pelagische Tierwelt in großen Meerestiefen. Denn auch dieser Vortrag, welcher zu den besten gehört, die seit langem auf der Versammlung waren gehalten worden, sollte Propaganda machen für die Anregung einer deutschen Tiefsee-Expedition im Stile der in den siebziger Jahren ausgeführten englischen Challenger-Expedition. Allein diese Art Propaganda darf man sich gefallen lassen. Selten ward eine wissenschaftliche Agitation vornehmer begründet als diese. Professor Chun, welcher die unterseeische Tierwelt jahrelang im Mittelmeer und in den westafrikanischen Gewässern studiert hat, der die Methoden des Tiefseefanges zu wissenschaftlichen Zwecken mit sinnreichen Vorrichtungen bereichert hat, wußte nicht nur für den Ruhm einer deutschen Expedition ans nationalen Gründen zu erwärmen, sondern durch eine geistvolle Darstellung der Probleme, welchen sie dienen soll, für den Gegenstand der Forschung zu interessieren. Er zeigte, wie die Erkennung tierischen Lebens in Tiefen von mehr als vierhundert Faden erst durch langsame Überwindung eines durch Forbes entstandenen Vorurteils, daß in solchen Tiefen Leben unmöglich sei, bewirkt werden konnte. Nachdem die Thatsache dieses Lebens bewiesen war, galt es die Bedingungen seiner Möglichkeit zu studieren, die jedenfalls besonderer Art sein mußten, da einige wesentliche Bedingungen irdischen Organismenlebens, das atmosphärische Licht, fehlten. So wurden allmählich höchst merkwürdige Bestätigungen der Darwinschen Lehre von der Anpassung an äußere Lebensbedingungen gewonnen. Obschon in den tiefsten Meerestiefen größere Mengen höherer Organismen nicht bestehen können, schon wegen des enorm hohen Druckes, und weil das vom Lichte abhängige Pflanzengrün dort unten nicht entstehen kann, sahen die Forscher doch in jenen Tiefen Tiere leben, denen Eiweiß- und Pflanzennahrung reichlich zu Gebote stand. Beides wird ihnen ans den obersten Meeresschichten zugeführt, deren Bewohner entweder im lebenden oder im toten Zustand von Zeit zu Zeit in die Tiefe hinabtauchen. Aber auch für die spärliche, dort fortkommende Tier- und Pflanzennahrung finden sich den auf dem Meeresgründe oder um weniges höher lebenden Tieren, die meist den Krustentieren angehören, Mittel der Erlangung. Gemäß der spärlichen Nahrung sind diejenigen unter ihnen, welche verkümmerte Sehorgane haben, mit monströsen Fühlorganen ausgerüstet, während andere wiederum wunderbare Augen besitzen, welche zwar nicht das von der Oberwelt hinabdringende und unterhalb 450 Meter ganz unwirksame Sonnen licht, wohl aber das Licht sehen, welches von den Leucht organen ausgeht, die sich im Lauf der Jahrtausende an zahlreichen Meerestieren entwickelt haben.
Gegenstände dieser Art müssen naturgemäß an einem Orte, der zwar nicht selbst an der See liegt, dessen ganzes Dasein aber im Seewesen wurzelt, ganz besonderes Interesse erregen. Das Gleiche gilt von dem anziehenden Berichte, den ein blutjunger wissenschaftlicher Reisender, IM. O. Marburg aus Hamburg, von seinen Reisen in Nord- und Ostasien erstattete. Nirgends in Deutschland gilt das Reisen in fremde Erdteile