Heft 
(1889) 52
Seite
829
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Deutschland.

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Daß bei den Störungen durch die Witterung die ganze Durchführung unseres Arbeitsprogramms, abgesehen von Mehr­bedürfnissen auf der einen und Minderverbranch auf der an­deren Seite, auf Schwierigkeiten mancherlei Art stieß, darf nicht wunder nehmen; wir werden in der Kommission Mittei­lungen über die Einzelheiten dieser Schwierigkeiten machen, hier muß ich, um Ihre Zeit nicht über die Dauer des Normal­arbeitstages in Anspruch zu nehmen, zu dem zweiten Teil meiner Rede übergehen, in welchem ich leider Ihnen Mittei­lungen machen muß, die auf eine unserem Staatswesen drohende Gefahr hindeuten, welcher wir mit aller Energie entgegentreten müssen.

Es hat sich nämlich in verschiedenen Teilen unseres Vater­landes eine Unlust und ein Widerwillen bei einigen Mitbür­gern gezeigt, indem sie die ihnen aufgetragenen Arbeiten nicht ausführen, sondern in anderen als den ihnen zugewiesenen Ge­schäfts- und Industriezweigen beschäftigt sein wollten. Wenn Sie, meine lieben Mitbürger, von solchen Vorgängen bis jetzt noch leine Kenntnis haben, so verdanken wir dies einzig und allein der vortrefflichen Organisation unseres Nachrichtenwesens und unserer Presse. Unsere mit großer Vorsicht für das Zei­tungswesen ausgewählten Mitbürger veröffentlichen nichts, was auch nur den kleinsten Schatten auf unser Staatswesen werfen könnte, und gerade bei diesem Hervortreten individualistischer Neigungen, welche wir für immer aus den Grenzen Deutsch­lands verbannt glaubten, waren sie doppelt vorsichtig; denn das alte Wort, daß böse Beispiele die guten Sitten verderben, könnte sich auch hier bewahrheiten, und die Pest der Individualität könnte um sich greifen und unseren Staat ernstlich gefährden. Die Thatsache aber, daß sich an einzelnen Orten solche indivi­dualistische Gesinnung bemerkbar gemacht hat, ist nicht fortzu­leugnen, und wir werden uns ernsthaft mit der Frage beschäf­tigen müssen, wie wir der darin für unseren Staat liegenden Gefahr werden begegnen können. Wir werden Ihnen Vor­schläge in dieser Beziehung machen, und hoffen wir auch aus ihrer Mitte Ratschläge zu erhalten, wie dem Übel am besten zu begegnen sein wird, ob durch Milde oder durch Strenge.

Weiter aber scheint sich noch eine andere Störung in un­serem Staatswesen vorzubereiten, auf welche Sie aufmerksam zu machen ich mich als verpflichtet erachte, wenn ich auch bis jetzt, trotz der Anstrengungen der mit der Überwachung der Gesinnung beauftragten Beamten, noch nicht bestimmte Per­sonen bezeichnen kann, welche sich des Verbrechens, von dem ich jetzt sprechen werde, schuldig machen.

Es hat sich nämlich eine, wenn auch bis jetzt nur noch geringe Störung in dem Umlauf der Arbeitszettel bemerkbar gemacht. Obgleich der Konsum für jeden unserer Bürger streng vorgeschrieben und ganz dem Arbeitsverdienst entsprechend ge­regelt ist, so daß am Schluß des Jahres sich alle im Laufe des Jahres ausgegebenen Arbeitszettel wieder in der Staats­kasse vorfinden müssen, so ist dies doch nicht der Fall gewesen, und es entsteht die Frage, wo diese geblieben sind. Die mil- destgesinnten Mitglieder der Verwaltung sind nun allerdings der Meinung, daß es sich dabei nur um Zufälligkeiten handle, daß vielleicht der eine oder der andere Zettel durch Zufall ver­nichtet tvorden sei, daß auch vielleicht hier und da einer der zum Rauchen beauftragten Bürger seine Pfeife oder Cigarre aus Versehen mit einem Arbeitszettel angezündet habe, kurz, daß der Abgang an Zetteln ebenso zu erklären sei, wie früher in den kapitalistischen Staaten der Abgang von Papiergeld bei längerem Umlauf; aber dieser milden Ansicht konnte sich die Mehrheit der Verwaltung nicht anschließen. Sie muß und ich bin beauftragt, Ihnen dies mitzuteilen ihre Ansicht da­hin aussprechen, daß darin ein Auftauchen kapitalistischer Nei­gungen zu sehen ist, durch welches Auftauchen unserem Staate die ernsthafteste Gefahr droht. Es haben offenbar verschiedene unserer Mitbürger, die sich noch nicht ganz frei gemacht haben von den Anschauungen, welche die glorreiche Versamm­lung zur Herstellung unseres rein sozialistischen Staates für absolut falsch und verderblich erklärt hat, sei es durch Ein­

schränkung im Selbstverbrauch, sei es durch Erschleichung, von Genossen eine Anzahl von Zetteln anfgesammelt und so den Grundstock zu einem Privatbesitz und zu einer Kapitalsauf­speicherung gelegt, wie solche durch die Artikel 6 und 74 unserer glorreichen Staatsverfassung auf das strengste verboten ist.

Noch haben wir allerdings die Hoffnung, daß es bei dem schüchternen Versuch bleiben wird, daß die Übelthäter wir möchten fürs erste allerdings noch den Ausdruck Verbrecher vermeiden in sich gehen und ihr gemeingefährliches Vor­haben aufgeben werden; aber auf jeden Fall und in weiser Vorsicht möchten wir Sie doch bitten, uns gleich und ohne Verzug die Erlaubnis zu gewähren, die Zahl der Gesinnungs­forscher zu vermehren, damit wir endlich denen auf die Spur kom­men, welche sich durch Aufsammkung der Arbeitszettel zu einer- bevorzugten Stellung in unserem Staate aufzuschwingen gedenken.

Weiter haben uns die mit der Beobachtung des öffent­lichen Verkehrs beauftragten Bürger berichtet, daß einzelne un­serer Mitbürger den Versuch machen, sich durch Anbringung von allerhand Verzierungen an der vorgeschriebenen Normal­kleidung ein sie gleichsam auszeichnendes Ansehen zu geben und so durch eine stillschweigende Demonstration sich eine besondere Stellung in unserer Gesellschaft anznmaßen. Natürlich haben diejenigen Bürger, welche mit der Beobachtung der öffentlichen Sitte beauftragt sind, solche Versuche sofort im Keime erstickt und die Übelthäter auf den rechten Weg der gleichmäßigen Einfachheit zurückgebracht; als Symptom einer immer noch vorhandenen Erinnerung an den glücklich beseitigten kapitalistischen Staat ist aber auch dieses Gebaren einzelner nicht unbeachtet zu lassen.

Wir haben also, und dies bitte ich bei den bevorstehenden Verhandlungen nicht außer Augen zu lassen, mit dem Auf­treten individualistischer Neigungen, mit den Versuchen zur Kapitalbildung und mit dem Hervorbrechen persönlicher Eitel­keit zu kämpfen, und wir werden unsere ganze Aufmerksamkeit darauf richten müssen, wie wir solche gemeingefährlichen Ver­suche gleich im Keime ersticken, ehe sie für unser Staatswesen eine Gefahr werden. Die Verwaltung hofft, bei Ihnen eine bereitwillige Unterstützung für alle dazu notwendigen und ge­eigneten Maßregeln zu finden; sie wird Ihnen ihre Vorschläge machen, ist aber auch gern bereit, von Ihnen Vorschläge in Empfang zu nehmen.

Mit diesen Worten schloß der Minister seine mit achtungs­vollem Schweigen aufgenommene Rede. Vereinzelte Bravo­rufe fanden kein Echo in der Versammlung, und man trennte sich in trüber Stimmung, in der Vorahnung einer dem rein sozialistischen Staatswesen drohenden Gefahr. Ob es den Maßnahmen der Verwaltung gelang, diese abzuwülzen, ob und wann der Riesenbau, welcher ganz Deutschland in ein großes Treibhaus verwandeln sollte, vollendet wurde, können wir leider unseren Lesern nicht mitteilen. Der Rück-Telegraph, eine der letzten Erfindungen des zusammenbrechenden kapitalistischen Staates, welcher uns die beiden hier veröffentlichten Reden mitgeteilt, ist leider bald darauf durch ein Natur-Ereignis zer­stört worden, und so sind wir ohne Nachrichten über das fernere Schicksal des Sozialistenreiches Alldeutschland.

Die 63. Versäumt««- derGesellschaft deutscher Naturforscher «ad Arzte."

Von

Emil Schiff.

ls im vorigen Jahre zu Heidelberg, wo die seit siebzig Jahren, seit der Begründung der deutschen Natur­forscherversammlung durch Lorenz Oken in ihrer ehr­würdigen Schlichtheit erhaltenen und bewährten alten Statuten unter dem starken Einspruch eines Virchow, Helmholtz und