Heft 
(1889) 52
Seite
828
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Deutschland.

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Tribünen beordert worden, und ebenso wie vor zwei Jahren machte sich auch diesmal in aller Mienen eine gewisse gespannte Aufmerksamkeit bemerkbar; aber jener Zug von Freudigkeit und Hoffnung, welcher die denkwürdige Sitzung vom 12. November 1949 charakterisiert hatte, fehlte man sah es allen An­wesenden, Reichsboten sowohl als Zuhörern, an, daß sie sich auf Mitteilungen nicht erfreulicher Natur gefaßt gemacht hatten. Und nun erst der Minister: wie ein siegender Held war er vor zwei Jahren vor den Reichstag getreten, das Haupt stolz er­hoben, die Augen strahlend in: Triumphgefühl heute er­schien er allen als ein vor der Zeit alt und hinfällig gewor­dener Mann, welcher ängstlich nach einer Stütze sich umsieht.

Es ist kein erfreulicher Bericht, meine lieben Mitbürger, so hob er an, welchen ich Euch heute abzustatten habe; das Etatsjahr 1950/51 hat die Erwartungen, welche wir an das­selbe geknüpft haben, nicht erfüllt. Ungewöhnliche Natur-Er­eignisse haben unsere Berechnungen zu schänden gemacht. Mit großer Vorsicht hatten wir den Bedarf der gesamten deutschen Nation an Brotfrüchten und sonstigen Produkten des Garten- und Feldbaues berechnet und mit Hilfe erfahrener Männer das zu dereu Erzeugung notwendige Land ausgesucht, sowie die Arbeiter bestimmt, welche diese Produkte erzeugen sollten. Genau bis zum 15. August 1950 mußten die vorhandenen Vorräte an Brotfrucht reichen, und an diesem Tage sollte mit dem Verbrauch der neuen Ernte begonnen werden. Leider aber

hatten eine mangelhafte Ausführung der Bestellnngsarbeiten, kalte Witterung und Regenstürme im April und Mai das

Reifen des Korns bedeutend verzögert; als am 15. August die letzten Reste der alten Vorräte verbraucht waren, stand das neue Korn noch auf dem Felde, und erst am 1. September

konnte das erste neue Korn zur Mühle geschickt werdeu. Das

war eine böse Zeit. Allerdings ließ sich diese Verzögerung schon Mitte April erwarten, und einzelne Personen, welche noch nicht ganz frei sind von den Anschauungen des kapitalisti­schen Staates, empfahlen uns, durch Erhöhung des Anrech­nungswertes des Getreides eine Einschränkung des Verbrauches herbeizuführen; aber die Ergreifung eines solchen nach Korn­wucher riechenden Mittels widerstrebte der Mehrheit der Staats­leitung und so blieb uns nur die Möglichkeit, durch Beschaf­fung von Korn aus fremden Staaten einer Hungersnot vor­zubeugen. Aber das ging nicht so schnell, als manche Leute, welche noch in der Erinnerung an den regen Schacher früherer Jahre schwelgen, glauben. Wir mußten uns erst in langen und eingehenden Beratungen über die Gegenwerte schlüssig machen, durch welche wir das Korn bezahlen konnten, und da die fremder: Verkäufer nicht immer mit den Gegenständen zu­frieden waren, welche wir zu liefern beschlossen hatten wollten wir Wollenstoffe geben, so verlangten sie Handschuhe, boten wir Stiefel an, so forderten sie Regenschirme so wurden immer neue, zeitraubende Beratungen notwendig, und so kam es, daß wirklich vierzehn Tage lang die Brotfrucht in zu geringer Menge vorhanden war. Die Folge hiervon war, daß einige hunderttausend Menschen, bei denen offenbar die Begeisterung für unser Staatswesen nicht stark genug war, um die rohe Lüsternheit nach Nahrung zu überwinden, diese Schwäche mit ihrem Leben bezahlen mußten. Ob der Tod solcher Schwächlinge, denen doch die rechte Hingebung an unser herrliches Staatssystem fehlte, als ein Verlust für den Staat zu betrachten ist, werden Sie mit mir bezweifeln ich er­wähne die Thatsache nur, weil sie in das Bild, welches ich Ihnen heute von dem abgelaufenen Etatsjahr entwerfen muß, hineingehört.

Das kalte und regnerische Wetter im April und Mai des Jahres 1950 hatte aber noch ein anderes für unseren so weise geordneten Arbeitsplan höchst unbequemes Resultat: es hatte sich der Bedarf an warmen Kleidungsstücken, an Stiefeln und an Regenschirmen über die Berechnung hinaus gesteigert, wäh­rend uns ein großes Quantum von Sommerkleidern übrig ge­blieben, also bei letzteren eine nicht unbedeutende Menge von Arbeitskraft nutzlos aufgewendet worden ist. Ebenso konnte

eine größere Zahl von Banten wegen des schlechten Wetters nicht ausgeführt werden; eine nicht unbedeutende Anzahl der zu den Bauarbeiten bestimmten Arbeiter fand keine Beschäfti­gung, und mußten ihnen, da der Staat durch Zuweisung dieser Leute zur Bauarbeit auch eine Verpflichtung ihnen gegenüber übernommen hat, ihre Arbeitszettel, gegen welche allein sie ja ihre Bedürfnisse eintauschen können, ausgehändigt werden, ohne daß eine Arbeit als Gegenleistung vorlag.

Das sind Verhältnisse, welche auch die vorsichtigsten Be­rechnungen stören mußte::, uud wenn ich in Bezug auf die da­durch verursachten Störungen Ihre Nachsicht in Anspruch nehme, so kann ich dieser Bitte gleich die Mitteilung hinzu­fügen, daß die Verwaltung unseres Staates eifrig darauf be­dacht ist, Zustände zu schaffen, durch welche künftighin solche störenden Einflüsse beseitigt werden können. Wir haben uns eingehend mit der Angelegenheit beschäftigt, und da wir uns der Erkenntnis nicht verschließen konnten, daß es unseres, nach den weisesten Grundsätzen eingerichteten Staates unwürdig ist, von Witterungs-Einflüssen abhängig zn sein, so haben wir jene Idee, welche ich schon vor zwei Jahren in meiner Rede auge­deutet habe, mit Entschlossenheit und in erweitertem Umfange ausgenommen und unsere Staats-Ingenieure beauftragt, einen Plan auszuarbeiten, um ganz Deutschland durch Überdachung mit Glas in eine Art von Treibhaus zu verwandeln und gleich­zeitig Vorrichtungen zu treffen, um in diesem Treibhaus au den geeigneten Orten zur geeigneten Zeit Regen zu erzeugen. Allerdings ist es ein Riesenwerk, welches wir planen, ein Werk, welches nur ein so vortrefflich organisierter Staat wie der nnsrige in Angriff nehmen kann. Jedem anderen Staate wür­den wahrscheinlich sehr bald die Mittel zur Weiterführung fehlen, bei uns, die wir uns vom Geld emanzipiert haben und wo einfach die von uns ausgegebenen Arbeitszettel das Ver­kehrsmittel bilden, kann solche Stockung nicht eiutreten. Wenn Sie aber die Vorteile bedenken, welche die Ausführung mit sich bringen muß, so werden Sie keinen Augenblick zögern, unserem Projekte ihren vollen Beifall zu schenke::.

Vor allen: werden, wenn der Bau vollendet ist, keine Miß­ernten mehr drohen, dann werden keine Unbilden der Witte­rung eine Abweichung von der gegebenen Kleiderordnung be­dingen, und wenn mir einer der Herren Rcichsboten zuruft, was daun aus den Regenschirm- und Gummischuh-Fabrikanten werden soll, so zeigt dieser Zuruf von einem sehr geringen Vertrauen in die Einsicht der Verwaltung. Ich habe schon vorhin erwähnt, daß Vorrichtungen für künstlichen Regen ge­troffen werden müssen; wir werden nicht ermangeln, wenn erst der Bau vollendet sein wird, einige Millionen Mitbürger zu beauftragen, an den vorgeschriebenen Regentagen spazieren zu gehen und so für die Erhaltung der Regenschirm- und Gummi­waren-Industrie zu sorgen. Allerdings werden zur Ausfüh­rung des Baues zahlreiche Arbeitskräfte notweudig sei::, be­sonders die für den Bergbau, für die Eisen- und Glas-In­dustrie bestimmten Mitbürger werden verstärkt werden müssen; aber wir können dies für kein Unglück halten. Es hat sich nämlich wohl infolge der Geschlossenheit unseres Staates, welche den möglichst weitgehenden Ausschluß aller kommer­ziellen Beziehungen zum Auslands bedingt in der letzten, Zeit trotz der weitgehendsten Beschränkung der Arbeitszeit ein Über­fluß an Arbeitskräften gezeigt, welcher, wenn er sich steigern sollte, die Aufrechterhaltung des jedem unserer Mitbürger zu­stehenden Rechtes auf Arbeit etwas schwierig machen würde. Es ist deshalb die Ausführung großer Staatsbauten dringend wünschenswert, und welche Staatsbauten könnten wohl mehr zu empfehlen sein, als die Ihnen vorgeschlagene Ausführung der Überdachung unseres Landes, welche uns gleichzeitig den Reichtum der Bodenproduktion und die größere Unabhängigkeit vom Auslande sichert; denn in dem Treibhaus werden sich an solchen Stellen, wo durch zweckmäßige Erwärmung des Bodens künstlich ein warmes Klima hergestellt wird, viele Erzeugnisse anpflanzen lassen, welche wir heute nur aus den Tropen be­ziehen können.