Heft 
(1889) 52
Seite
827
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52.

Deutschland.

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Winter wurde unruhig. Es war nicht mehr zu leugnen, daß ihn die größere Tänzerin auffallend, fast herausfordernd fixierte. Wenn das andere Mädchen allein zu tanzen hatte, stellte sich die Größere der Loge gerade gegenüber und sah unverwandt hinauf. Im Saal wurde man aufmerksam. Ein Commis zeigte seiner Gefährtin den Herrn in der Loge und sagte etwas. Das Mädchen lachte unter dem breitrandigen Federhut. Winter rückte seinen Stuhl von der Brüstung fort. In seiner Stellung! Und dazu diese Musik. Er kannte sie, kannte sie ganz genau. Er kannte auch, daran war nicht mehr zu zweifeln, die Tänzerin. Aber woher?

Der letzte Pas. Winter konnte von seinem Platze aus die Bühne nicht mehr sehen; er schloß die Augen und hörte mit so angespannter Aufmerksamkeit der Musik zu, als würde da nicken die neunte Symphonie seines Heiligen gespielt. Die spöttelnden Bemerkungen des Freundes vernahm er nicht.

Und jetzt war er auf der rechten Spur. Es mußte min­destens fünfzehn Jahre her sein. Damals, als er, ein junger Student, die Philologie bitter haßte, weil sie ihn hinderte, seiner musikalischen Leidenschaft zu folgen und ein Künstler zu werden, ein Komponist. Da Mußte er sich, in seinem engen Zimmer in der Chausseestraße, gewaltsam zu den Büchern zwingen, und oft genug ertappte er sich darauf, daß er den Rand oder das Titelblatt irgend eines alten Klassikers mit krausen Notenzeichen bemalte. Eine böse Zeit. Kein Geld, keine Lust an der Arbeit. Seine einzige Freude war das ver­stimmte Klavier, das seine Wirtin nicht anders beherbergen konnte und für das der überglückliche Chambregarnist daher keine Extramiete zu bezahlen brauchte. Eine schöne Zeit. Studiert wurde zwar nicht viel, desto mehr aber musiziert. Ganze Stöße von Notenpapier schleppte der Philologe wider Willen herbei, und die Zahl seiner Opera wuchs allmählich ins Ungeheuer­liche. Seine gesammelten Werke füllten den Notenständer, auf dem nur noch Haydns Schöpfung eine Schulprämie ans der ersten Gesangklasse und ein abgegriffener Klavieranszug des Gluckschen Orpheus, den der Besitzer bei einem fliegenden Antiquar unter den Kolonnaden aufgestöbert hatte, friedlich ruhten. Haydn, Gluck und Winter! Eine tolle Zeit.

Und damals ja, damals mußte es gewesen sein. Was war das für ein neugieriges Kindergesicht, das da vor seinem geschlossenen Auge anftauchte? Ach die kleine Toni Quelitz, die Tochter seiner Wirtin. Ein drolliges Ding. Zu nichts zu gebrauchen, in der Schule dumm, zu Hanse faul. Und welche Orthographie die Elfjährige sich zurecht gemacht hatte! Winter mußte lachen, wenn er an ihre Hefte dachte. Dem Mädel konnte selbst ein 8tnä. chckl. nicht helfen; sie war un­verbesserlich wie ihre Fehler, die Toni. Aber wenn sie mittags nach Hause kam und den Mieter Klavier spielen hörte, dam: war kein Halten. Die Mappe in eine Ecke, und ans und da­von. Kaum, daß man sie zum Essen wieder ans dem Zimmer des Studenten fortbrachte.

Des Jöhr is reeneweg verliebt in Ihnen, Herr Doktor/' meinte die würdige Wirtin in solchen Augenblicken.

Winter wußte es besser. Die Kleine kümmerte sich wenig um ihn. Sie hüpfte und sprang in dem kleinen Zimmer um­her und betrachtete sich dabei eifrigst in dem halbblinden Spiegel, dem ehemals bronzierten Prachtstück der Quelitzschen Wohnung. Im Sommer nestelte sie wohl gar ein paar Blumen in das

gelbe, strähnige Haar, und dann kam sie sich furchtbar vor­nehm vor. Toni besuchte nämlich die Balletschnle und durfte mitunter abends im Opernhause einen Engel oder wenigstens einen halbwüchsigen Genius darstellen. Das waren dann ihre Festtage. In dem Kinde steckte eine Tanzwut, als wäre es nicht einer ehrsamen Handwerkerfamilie aus dem Berliner Nor­den, sondern dem sagenhaften Geschlechts der luftigen Willys entstammt. Und da Meister Quelitz früh gestorben war, da sich das Vorderzimmer schlecht vermietete und mit dem kleinen Balg doch nichts Vernünftiges anzufangen war, hatte Mutter- Quelitz gegen die Neigung ihres Töchterleins eigentlich nichts einzuwenden.Sie is verdreht, aber sie wird mal scheenes Geld verdienen," Pflegte sie zu dem Mieter zu sagen, wenn dieser, in moralischer Anwandlung, ihr Vorwürfe machte und ihr die Gefahren des zukünftigen Berufes seiner kleinen Freundin mit schöner Entrüstung vor Augen führte. Winter hatte näm­lich dasEuropäische Sklavenleben" von Hackländer gelesen und kam sich vor, als hätte er nun die Höhen und Tiefen des menschlichen Lasters dnrchgekostet.

Na ja Sklavenleben; aber, lieber Herr, so 't janze liebe Leben Mäntel nähen oder in de Blumenfabrikation drin hocken, 's is ooch nich jrade wie in Himmel. Un mit de An­ständigkeit wenn eine, un se is nn 'mal nich denn hilft ooch nischt. Ob se nachher nn schneidert oder danzt des is einunddieselbe Jeschichte. Der Dobbert'n Ihre, von da drüben, die jeht nn schon mit'n Dritten. Un is doch erst ein Jahr ins Geschäft. Aber Sie kennen die Sachen noch nich, sonst würden Sie mir nich so kommen."

Dagegen war Winter denn machtlos. Und was ging es ihn am Ende auch an? Er hatte manchen Spaß an der Toni; mochte aus ihr werden, was da wollte. Er empfand täglich selbst schmerzlich genug, wie unerträglich die Beschäftigung mit einem verhaßten Beruf ist; konnte er nicht Musiker werden, wie er wollte, so mochte die Kleine wenigstens tanzen. In der Freude an der Musik fand sich der lang aufgeschossene Student mit dem winzigen Balg zusammen.

Zwei Reden eines deutsche« Aldeitsuiinisters

im zwanzigsten Jahrhundert.

Von

G. Leivinstein.

II.

liegt uns der Bericht über eine zweite Rede vor, welche derselbe Minister zwei Jahre später, am 14. No- vember 1951 vor versammeltem Reichstag gehalten hat, um nicht nur sein Programm für die Arbeitsverteilung in dem nächsten Budgetjahr vorzulegen, sondern um auch gleichzeitig Bericht zu erstatten über die Ausführung des Programms, welches er zwei Jahre früher vorgelegt hatte und dabei In­demnität nachzusuchen für einzelne kleine Abänderungen des Programms, welche sich leider als notwendig heransgestellt hatten. Der Reichstag zeigte eine gegen die in dem vorigen Artikel geschilderte Sitzung sehr veränderte Physiognomie. Aller­dings waren auch diesmal alle Plätze im Hause besetzt; denn es war ja Pflicht der zu diesem Amt auserwählten Bürger, pünktlich zur Sitzung zu erscheinen, ebenso war eine gleiche Anzahl von Bürgern für diesen Tag zur Zuhörerschaft auf die