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Talent für leichte Ware bedaure. Aber — schließlich thut ja doch jeder nur, was er muß. Also —! Aber am Ende ist doch ein Gymnasiallehrer, und selbst ein Ordinarius von Untertertia wie Du, kein Eremit! In die Oper muß ich Dich mit körperlicher Gewalt schleppen; bei Millöcker wirst Du mir nervös, und als ich den Wunsch äußere, zuguterletzt auch noch eins von Eurem Dutzend Speeialitütentheater kennen zu lernen, starrst Du mich an, als wärst Du Sankt Antonius und ich — na, Du kennst ja Wilhelm Busch! Aber es hilft Dir alles nichts. -Jetzt sitzest Du hier neben mir in einer mit fürstlicher Plüschpracht ausgestatteten Prosceniumsloge, und bevor Du nicht mindestens sechs Nummern genossen hast, kommst Du nicht fort. Dafür garantiere ich. Was heißt denn das? Ist das Freundschaft? Ist das Liebe für Liebe? Du meinst, ich ginge hier weg, ohne das Ewig-Weibliche erblickt und mich überzeugt zu haben, daß die angebliche Fleischfarbe der Tricots noch immer um drei Töne dunkler ist als die natürliche Hülle runder Arme? Da kennst Du mich schlecht, Ordinarius von Untertertia! Ich bin einmal in der Großstadt, ich will acht Tage Euer Leben studieren, und wenn Du heute nicht schleunigst eine andere Miene aufsteckst, daun verführe ich Dich morgen in ein Balllokal und. stelle Dich mit Deinen sämtlichen Titeln der Fürstin Piguatelli vor. Du siehst — ich habe Eure Anschlagzettel nicht ohne Erfolg durchforscht. Also wühle!"
„Aber wenn Du Dich doch selbst hier nicht amüsierst, was soll ich —"
„Wer sagt Dir denn das? Es macht mir das größte Vergnügen, mich hier nicht zu amüsieren! Da sitzt man in seinem elenden Achtzigtausendeinwohnernest und liest in den Zeitungen Wunderdinge über Eure Genüsse. Man wird neidisch. Man kommt her; inan will mitgenießen. Giebt es da eine größere Wonne als die, zu sehen, daß man sich in dem großen, neuen Berlin noch ganz genau so langweilen kann wie vor zwanzig Jahren?! Eure stilvollen Kneipen, in denen man keinen anständigen Sitzplatz kriegt, Eure mythischen Droschken, Eure Speisekarten, auf denen alles Genießbare beständig gestrichen und alles Ungestrichene ungenießbar ist, der schlechte Kaffee in Euren aufgeputzten Cafös — alles dies und noch mehr bildet für mich eine Reihe von erlesenen Genüssen. Es stärkt den Lokalpatriotismns. Und erst hier —! Wenn bei uns ein Cirkus erscheint oder ein Tingeltangel sich irgendwo aufthut, dann guckt mau hinein uud flieht sofort mit dem Seufzer: Der alte Zauber! Wie muß das in Berlin sein! Und nun sehe ich, daß man auch hier, in der Metropole der Künste, in der vielgepriesenen Theaterhauptstadt, noch immer das alte Wasser zum Kochen benutzt. Nimm mir's nicht übel — aber, es wird sträflich bei Euch gelogen! Giebt es denn gar keinen Fortschritt in der Welt der Speeialitüten? Müssen wir immer bei den Papierreifeu, bei den Bauchrednern und Messerschluckern stehen bleiben? Das leisten wir zu Hause auch. Siehst Du, zum Beispiel: diese ehrwürdige Dame, die uns da ihre bräutlichen Gefühle um einen Biertelton zu hoch vvrsingt — ich möchte wetten, daß ich sie nnd ihr schwarzes - oder grünes? — Sammetkleid schon irgendwo in meiuer engeren Heimat getroffen habe. Die kleine Welt! Aber daß mir das gerade in Berlin begegnen muß, siehst Du, dafür gäbe
ich - warte mal, jetzt kommt 'ne neue Nummer; hast Du
den Zettel? Auf der Erde natürlich! Also: 3 — der Ton
quetscher — 4 — die „seriöse Liedersängerin" — 5 — da stehen wir — Auftreten der Tanzduettistinnen Sennoritas An- tonietta nnd Rosita Spartos vom Skalatheater in Mailand. Du — Spanierinnen aus Italien — Leres mit Chianti! Wo diese Skala alle Tänzerinnen hernimmt, das ist mir schon lange ein Rätsel. Aber Ballet — Fritz, früher war das Dein Fall — pst! Da sind sie schon. Pfui, wie blond!"
Die beiden Tänzerinnen, zwei unschöne, auffallend hellblonde Mädchen, hatten an der Coulisse ihre rosaseidenen Schuhe gehörig eingekreidet und hüpften nun, etwas wild und kunstlos, durcheinander. Die alten Tarlatankleider, die alten Pas. Und die Trieots waren richtig wieder viel zu dunkel.
„Du — das größere Wurm schielt bedenklich hier herauf. Kennst Du sie etwa, Ordinarius?"
„Aber ! Wo kommst Du her? Hast Du schon jemals irgendwo eine Tänzerin gesehen, die ihre Augen nicht für die Prosceniumslogen tanzen ließe? Warum soll diese hellblonde Spaniolin eine Ausnahme machen? Bekannt kommt sie mir übrigens — gieb mir doch 'mal Dein Glas für eine Sekunde!"
„Hört! Hört! Herrn vr. xliil. Friedrich Winter, wohlbestalltem und ordentlichem Lehrer am Friedrichswerderschen Gymnasium, Ordinarius der Untertertia, kommt eine Tänzerin der Coneordiabühne bekannt vor! Daher tratest Du wohl auch mit so frommem Schauder in diese unheiligen Hallen? Du bist erkannt, durchschaut, entlarvt! Übrigens ist die Sekunde um, und Du hast nur die Wahl, mir entweder mein Glas zurückzugeben oder mir Deine Beziehungen zu Sennorita An- tonietta — oder ist's Rosita? - - Spartos haarklein uud mit allen Details zu erzählen. Nur keine Müdigkeit vorgeschützt!"
„Ach ja, richtig, es sind ja Spanierinnen. Ich habe mich geirrt: irgend eine zufällige Ähnlichkeit — da — Dein Glas danke!"
„Hm . . . ."
Der erste Tanz war vorüber, und wenn auch das Entzücken des Publikums über die Leistungen der beiden Mädchen nnr ein mäßiges war, so wollte doch die schlechte, alte Sitte, daß man so lange klatschte, bis die Dacapo-Zugabe erfolgte. Die Tänzerinnen hatten das auch gar nicht anders erwartet, uud, ohne sich lange nötigen zu lassen, rüsteten sie sich zu neuen Thaten. Der Kapellmeister klopfte auf. Eine lebhafte, prickelnd instrumentierte Melodie begann.
„Aha - jetzt kommt der mit Recht so geschätzte Nativnal- tanz. Gleich werden Castagnetten klappern — da sind sie schon! Imponiert Dir meine terpsichorische Bildung nicht, Friedel? Du mußt gestehen, für einen Provinzialen — —"
Aber der Freund hörte nicht mehr auf sein lustiges Geplauder. Er hatte nur noch Ohren für die Musik, die da unten von den acht Mann handwerksmäßig heruntergespielt wurde. Wo hatte er diesen Tanz nur gehört? Mehr als einmal sicherlich. Aber wo? Und wann? Nicht zu entdecken. Und doch schien es ihm von äußerster Wichtigkeit, das festzustellen. Daun mußte er wiederum über die eigene Narrheit lächeln. Er zwang sich zum gleichgültigsten Tonfall.
„Kennst Du zufällig das Stück?"
„Ich? Nein. Wieso? Übrigens nicht übel. Wenn die Racker nur tanzen könnten. Aber das hopft wie weggejagte Ratten. Und diese Blicke! Ich schwärme nicht für blond, sonst —!"