Heft 
(2020) 109
Einzelbild herunterladen

104 Fontane Blätter 109 Literaturgeschichtliches, Interpretationen, Kontexte neue Hausgenosse Rubehn die»landschaftlichen Schätze« 7 der Gegend kennenlernen kann. Bei der Rückfahrt im kleinen Boot von Stralau nach Treptow nimmt Rubehn Melanies Hand und»fühlte, daß sie fieberte«; das Boot treibt im Strom, und in Melanies Herzen»erklang es immer lauter: wohin treiben wir?« 8 Die Liebesbeziehung, die folgt, führt zur Scheidung. In Irrungen, Wirrungen(1888) lernen sich Lene Nimptsch und Botho von Rienäcker in Stralau zum ersten Mal kennen. Auf die Frage von der Nach­barin Frau Dörr hin,»Nu, sage Du mal. Is es denn wahr, daß es in Stralau war?« 9 erzählt Lene, dass sie zu Ostern mit ihrer Bekannten Lina und deren Bruder Rudolf einen kleinen Bootsausflug von Stralau aus machte»um die Treptower Liebesinsel herum«, 10 wie es Botho später Gideon Franke erklärt , als von Treptow her ein Dampfschiff auf sie zukam, das sie angefahren hätte, wenn zwei Herren in einem zweiten Boot sie nicht gerettet hätten; »eine Minute später waren wir bis an Stralau heran und die beiden Herren, denen wir unsre Rettung verdankten, sprangen ans Ufer und reichten uns die Hand«. 11 So fängt eine zärtliche Liebesbeziehung an, die wegen der so­zialen Unterschiede grundsätzlich aussichtslos ist. 12 Im aufschlussreichen 9. Kapitel des Romans Stine(1890) erzählt die Titelfigur dem jungen Grafen Waldemar von einem Geschäftsausflug, der ihr»ganz unvergeßlich« geblie­ben sei: ein Dampfschiff sei gemietet worden, das sie»die ganze Spree hin­auf« mitgenommen habe,»an Treptow und Stralow und dann an Schloß Köpenick und Grünau vorüber«. 13 Stines Schilderungen helfen Waldemar, über seine Standesvorurteile hinwegzukommen und an eine gemeinsame Zukunft mit Stine zu denken. Das ganze Kapitel dient aber als Vorausdeu­tung auf das tragische Ende: in seinem letzten Brief an Stine schreibt Wal­demar:»Die Stunden, die wir zusammen verlebten, waren, vom ersten Tage an, Sonnenuntergangsstunden, und dabei ist es geblieben. Aber es waren doch glückliche Stunden.« 14 In Frau Jenny Treibel(1892) reitet Leopold Treibel die Spree entlang nach Treptow und frühstückt da im Freien. Während er die Boote beobachtet, die »vom Stralauer Ufer her herüber« 15 kommen, sinnt er über sein von der Mut­ter missbilligtes Verhältnis mit Corinna nach. Es kommt dann ein mit Perso­nen besetzter Dampfer den Fluss herauf. Sobald der Dampfer an der Liebes­insel vorbeifährt, fährt»auch Leopold aus seinen Träumereien auf«. 16 Die Tatsache, dass der Dampfer dann an der Stralauer Liebesinsel vorbeifährt und außer Sichtweite gerät, zeigt uns die Realität, mit welcher Leopold kon­frontiert wird, wenn er aus seinen Träumereien erwacht. Leopolds Liebes­traum, wenn er auf das Stralauer Ufer zublickt, fährt an den erhofften Lie­besmöglichkeiten vorbei und gerät schließlich außer Sichtweite. 17 In Effi Briest(1895) kommt Stralau an einer kritischen Stelle vor. Effi ist seit fast drei Wochen zusammen mit Frau Geheimrätin Zwicker bei einer Kur in Ems, und hat seit vier Tagen keinen Brief von ihrem Mann Innstetten erhalten; sie be­fürchtet, dass er oder ihre Tochter Annie krank sein könnte. Frau Zwicker