Sophies Sintflut-Gemälde in Die Poggenpuhls Bade 105 versucht, sie durch harmlose Plauderei auf anderes zu lenken, redet von Landpartien und Vergnügungsorten in der Umgegend von Berlin, und erwähnt»Treptow und Stralau«. 18 Der Postbote kommt mitten in diesem Gespräch an und bringt den Brief von Effis Mutter in Hohen-Cremmen, der klar macht, dass Innstetten Effis Geliebten Crampas zu einem Duell aufgefordert habe und dass Crampas im Duell gefallen sei; Effi werde von nun an »einsam leben« müssen. 19 Im Stechlin(1899) wird Stralau sowohl mit der tragischen Liebe wie auch mit dem gesellschaftlichen Umbruch in Zusammenhang gebracht. Die Berchtesgadens und die Barbys zusammen mit Woldemar von Stechlin machen auf den Vorschlag Melusines hin eine Dampferfahrt die Oberspree hinauf bis zum»Eierhäuschen«-Restaurant am Plänterwald. Während der Dampfer an Treptow vorüber»zwischen den kleinen Inseln« fährt, wendet sich Melusine an Woldemar und bemerkt, dass sie gehört habe,»hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die ›Liebesinsel‹; da stürben immer die Liebespaare, meist mit einem Zettel in der Hand, drauf alles stünde.« 20 Stralau kommt dann später im Gespräch zwischen Woldemar und Melusine über die Sehenswürdigkeiten Londons nochmals vor. Graf Barby hat Woldemar nämlich geraten, Melusine über Waltham Abbey auszufragen. Melusine zögert, aber Woldemar fährt fort:»Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr Papa gerade am Abend vor meiner Abreise sagte: ›das muß Melusine wissen; die weiß ja dort überall Bescheid und kennt, glaub´ ich, Waltham-Abbey besser, als Treptow oder Stralau.‹« 21 Im Roman wird Melusine mit der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Erneuerung verbunden. Ihre Aussage im Gespräch mit Pastor Lorenzen im 29. Kapitel wirkt fast wie das Motto des Romans:»Alles Alte, so weit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen, heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.« 22 In den Poggenpuhls(1896) spielt Stralau eine ganz besondere Rolle, denn Sophie verwendet die Aussicht auf den Rummelsburger See vom Bahnhof Stralau aus als Inspirationsquelle für ihr Kirchenbild der Sintflut.»Dritter Klasse Ringbahn und bis Bahnhof Stralau. Und als wir da hoch oben ausstiegen, hoch wie der Berg Ararat, da lag der Rummelsburger See mitsamt der Spree wie eine mächtige Wasserfläche vor uns. Dieses Panorama hab´ ich für mein Bild benutzt. Der Bahnhof ist der Ararat, der Rummelsburger See die Sündflut.« 23 Das Sintflutbild Sophies ist in vielerlei Hinsicht von dezisiver Bedeutung. Erstens ist Sophie von Poggenpuhl im Grunde genommen die Hauptgestalt des Romans. Sie wird als die»Hauptstütze der Familie« vorgestellt, und zwar aus dem Grunde, weil sie»das besaß, was die Poggenpuhls bis dahin nicht ausgezeichnet hatte: Talente.« 24 Die rettende Summe, die die Familie durch das Erbe von Sophies Onkel, General Eberhard von
Heft
(2020) 109
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