106 Fontane Blätter 109 Literaturgeschichtliches, Interpretationen, Kontexte Poggenpuhl, erhält, ist größtenteils Sophie zu verdanken, denn ohne Sophies enge Beziehung zu ihrem Onkel und ihrer Tante im schlesischen Adamsdorf wäre das Arrangement nicht zustande gekommen; das geht aus den Bemerkungen der Witwe Josephine im 14. Kapitel klar hervor. 25 Die Kirchenbilder, die Sophie für ihren Onkel malt, spielen da eine entscheidende Rolle. So wie bei Lehnert im Roman Quitt(1890), der auch nach besseren Alternativen zur vorherrschenden starren Gesellschaftsordnung Preußens sucht, erleidet Sophie in den Bergen einen Oberschenkelbruch, und wird in einem weiteren Hinweis auf Quitt von einem Arzt aus Lehnerts Heimatdorf Krummhübel behandelt. Infolge ihrer Verletzung muss sie mehrere Wochen ruhig liegen, und ihre Tante richtet für sie eine Stellage her, so dass sie zeichnen kann. Ihr Onkel beauftragt sie dann mit dem Malen biblischer Bilder für die protestantische Kirche. Sie schreibt ihrer Mutter, dass sie Bibelszenen nehmen will,»worin das Landschaftliche vorherrscht«; sie suche in der Bibel »nach Stoffen mit guter Scenerie«. 26 Landschaftliche Vorbilder für die meisten alttestamentarischen Szenen findet Sophie in der Umgebung von»Schreiberhau oder Hermsdorf oder Krummhübel,« 27 aber bei der Sintflut ist es eine andere Sache. Die Darstellung der Sintflut erfordert Sonderleistungen, wie sie in einem weiteren Brief an die Mutter berichtet:»Ich bin jetzt bei der Sündflut, die ja, wenn man will, auch ins Landschaftliche fällt. Wasser ist doch auch Gegend und Gegend ist Landschaft.« 28 Für das Sintflutbild hat der Onkel nämlich eine besondere Bitte: Als ich noch in Berlin bei ›Alexander‹ stand, war ich’mal auf Besuch in einer benachbarten Dorfkirche, drin viele Bilder waren, auch eine Sündflut. Und aus der Sündflut ragte nicht bloß, wie gewöhnlich, der Berg Ararat mit der Arche hervor, nein, neben dem Ararat befand sich auch noch in geringer Entfernung ein zweiter Berg und auf diesem zweiten Berge stand eine Kirche. Und diese Kirche war genau die kleine märkische Dorfkirche mit einem Laternenturm und sogar einem Blitzableiter, in der wir uns in jenem Augenblick gerade befanden. Und das hat damals einen so großen Eindruck auf mich gemacht, daß ich dich bitten möchte, du machtest es auch so und ließest auch zwei Kuppen aufsteigen und auf der zweiten Kuppe stände die Kirche von Adamsdorf. 29 Sophie schreibt, sie habe sich trotz anfänglicher Skepsis»in die Idee ganz verliebt«, weil es»eine tiefe Bedeutung« habe:»als die alte Sündenwelt unterging und die neue, bessere, sich aufbaute, war das erste, was neu erschien (denn die Tiere waren ja noch aus der alten Welt), die Kirche jenes kleinen märkischen Dorfes«. 30 Die Kirche verkörpert also eine Art Rettungsarche, 31 mit anderen Worten»das Christentum, das ein Licht in die sündhafte Welt brachte«, wie es Hans Dieter Zimmermann erklärt, 32 aber bei Sophie geht es weit darüber hinaus. Als ihr Vorbild für den Berg Ararat und die Sintflut nimmt sie den Ausblick vom Bahnhof Stralau auf den Rummelsburger See,
Heft
(2020) 109
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