Sophies Sintflut-Gemälde in Die Poggenpuhls Bade 107 den sie von der herbstlichen Stralau-Partie, die die Poggenpuhls mit der Familie Bartenstein unternommen hatten, verinnerlicht hat. Die Poggenpuhls sind mit der jüdischen Familie Bartenstein eng befreundet; Sophies Bruder Leo soll Flora Bartenstein heiraten. Es ist also nicht zu verwundern, dass Sophie an die wohlhabenden Bartensteins denkt, wenn sie ihr alttestamentarisches Gemälde komponiert, aber bemerkenswert sind hier die Umstände:»alle dritter Klasse«. 33 Sophies»neue, bessere« Welt ist offenbar eine freie gleichberechtigte Welt ohne Klassenunterschiede; der»Schlußakt der Sündflut«, 34 den Sophie malt, stellt im Kontext des Romans den Schlussakt der Adelsherrschaft dar. 35 Aber Sophies Gemälde sind keine»Untergangsszenarien«, wie Hinrich Seeba es will. 36 Im Gegenteil: Sophies Bilder enthalten, wie es Christian Grawe feststellt,»Andeutungen auf ein neues Menschenideal«. 37 Bei ihrem Sintflut-Bild ist das erst recht der Fall. Martin Lowsky formuliert es so:»Dieses Zusammensehen von Berg Ararat und Bahnhof Stralau, von Sintflut-Ende und Ausflugsziel, setzt einen Akzent von Utopie. Er klingt nach Neubeginn und Freiheit und nach Ebenbürtigkeit aller Menschen; fand doch der Ausflug in der Ringbahn für alle, auch für die reichen Bartensteins, in der ›dritte[n] Klasse‹ statt.« 38 Mit anderen Worten leitet Sophies Bild, wie Sylvain Guarda es ausdrückt,»zu einer verklärten Welt über«. 39 Interessanterweise sagt Sophie auf eine Frage der Tante hin, sie fühle sich nicht in der Lage, ein Bild zur alttestamentarischen Szene von Jona und dem großen Walfisch anzufertigen, obgleich sie weiß, dass diese Szene mit der Auferstehung zusammenhängt, und die Tante findet, dass man sie»respektieren muß.« Die Reaktion»Gott sei Dank« von ihrer Schwester Manon auf Sophies Erklärung»Ich fühle mich der Aufgabe nicht gewachsen« 40 ist verständlich, aber nicht nur deshalb, wie Lowsky vermutet, 41 weil es sich da um die Darstellung eines nackten Mannes handelt. Jonas Rettung steht auch für den Neuanfang, aber ein Bild eines aus einem Walfisch ausgespienen Propheten kann, malerisch gesehen, mit Sophies Gemälde der Sintflut kaum konkurrieren. Sophies Vorstellung der neuen Kirche auf einem Berg neben dem Ararat –»Es war, als ob Gott sie gleich dahin gestellt habe« 42 – ist eine geradezu frappante Vision einer neuen, besseren Welt. Fontanes Thema des Übergangs sowie der Erneuerung kommt hier klar zum Ausdruck. Man wird an Lorenzens Bemerkung im Stechlin erinnert:»Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere.« 43 Das Vorbild für»die kleine märkische Dorfkirche«, die viele biblische Bilder enthält,»auch eine Sündflut«, 44 die einen so großen Eindruck auf Onkel Eberhard macht, ist die Dorfkirche in Senzke, die Fontane im Jahre 1889 besuchte, wie aus seinen Notizen zum Entwurf Das Ländchen Friesack und die Bredows für die Wanderungen durch die Mark Brandenburg hervorgeht. 45 Fontane schreibt, dass die alte Kirche,»wahrscheinlich Neubau nach Zerstörung der alten«, auf das Jahr 1680 zurückgeht, und dass die Bilder, die
Heft
(2020) 109
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