Heft 
(2020) 109
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108 Fontane Blätter 109 Literaturgeschichtliches, Interpretationen, Kontexte da»an den Chorstühlen« angebracht sind,»wohl auch alle aus der Zeit« stammen.»Sehr interessant in ihrer Naivität« findet er die biblischen Bilder, die er so auflistet:»Paradies, Sündenfall, Vertreibung, Kain und Abel, Sint­flut(die Kirche in den Fluten), Lot und seine Töchter in der Höhle mit unter­gehendem Sodom und Gomorrha(zwei große Schornsteine), Moses, feuri­ger Busch, Sinai, Joseph, Rotte Korah etc.« 46 Die alttestamentarischen Bilder aus dem Jahr 1680 sind erhalten und in der Evangelischen Kirche Senzke noch zu sehen. Im Sintflut-Gemälde sieht man in der Tat die Arche auf dem Berg Ararat und daneben einen zweiten Berg mit einer Kirche darauf, die offenbar die neue Dorfkirche Senzke darstellt, wie sie damals aussah. Die heutige Dorfkirche ist ein Saalbau mit Apsis, der 1857 als Putzbau anstelle der Vorgängerkirche von 1866/67 errichtet wurde. Die alttestamentarischen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert gehörten zur Inneneinrichtung, die erhal­ten blieb. 47 Das Sintflutgemälde gehört zu den bemerkenswertesten Kunstwerken der Dorfkirche Senzke. Die Landschaften, Gebäude, Personen und Tiere, die hier geschildert sind, beruhen vermutlich, ähnlich wie bei Sophie, in der»mittelalterlich-figurative[n] Tradition«, 48 auf Naturmerkmalen, Bauten, Menschen, Pferden und Rindern, die dem Maler aus der Umgebung be­kannt sind. Es ist naiv im Stil aber beeindruckt durch seine direkte Einfach­heit. Es zeigt die verheerende Wirkung einer kolossalen Flut, mit in Panik geratenen Menschen und Tieren, die sich bemühen, sich zu retten, indem sie zu schwimmen versuchen, auf kleinen Flößen hocken, sich an Tieren festhalten und Pferde reiten, bis sie ans Ufer klettern können. Die am Him­mel kreisenden Adler schauen von oben auf das Chaos hinab und suchen sich offenbar neue Opfer aus. Ganz oben sieht man die Arche, und etwas weiter unten rechts sieht man die Kirche mit ihrem Turm und Blitzableiter. Die Kirche ist noch heil, aber von steigendem Hochwasser umgeben; direkt rechts und weiter unten befinden sich zwei total überschwemmte Häuser, von denen nur noch die Dächer zu sehen sind. Auf den ersten Blick sieht man nur die katastrophalen Folgen der Flut. Dann bemerkt man die beiden Struk­turen, die das Hochwasser zu überleben scheinen. Die Erste ist die Arche, die Zweite ist die Kirche. Die Frage ist, ob das Wasser noch am Steigen oder ob es schon am Abebben ist und die Menschen, die man sieht, die letzten Opfer der Flut sind. Wenn das Wasser noch steigt, ist die Kirche in Gefahr; wenn es abebbt, hat die Kirche so wie die Arche die Flut überlebt. Auffallend ist, wie Fontane durch seine Figur des Onkels Eberhard, das Bild der Sintflut ins Positive verwandelt. Das ist ein glänzendes Beispiel von Fontanes»künstlerischem Verfahren«, wie es Regina Dieterle erläutert, das darin besteht,»einen realen Ort, eine Figur, ein Bild in eine neue Landschaft, in eine neue Umgebung zu transponieren und in ein neues Licht zu setzen.« 49 Denn trotz der symboltragenden Kirche vermittelt das Senzker Vorbild eine Stimmung von Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Durch seine Figuren