Ein krauses Leseerlebnis Aust 157 Theodor Fontanes Der Krieg gegen Frankreich – ein krauses Leseerlebnis Hugo Aust Ende gut, alles gut? »Und so bleib‘ es in alle Zeit!«, lautet der mittig gesetzte Schlusssatz von Theodor Fontanes Der Krieg gegen Frankreich 1870 – 1871. Wäre dies ein literarischer Satz, könnte er seinem Autor ›schwerer gefallen sein als manche seiner späteren Anfänge‹ 1 und er würde allen, die ihn lesen, mit seiner»flackernden Zweideutigkeit« einen produktiven»Stoß« versetzen. 2 Als wirklicher Satz, der nur Wirkliches meint, hat er ein anderes Schicksal. Denn ein »so« festgehaltener Sieg gleicht eher der»Blume auf dem Felde« des Psalmisten(Psalm 103), und»wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da«. Was in dieser Melancholie allein ›bleibt‹, ist – im Ton des Psalms – die»Gnade[…] des Herrn«, die nun wirklich»von Ewigkeit zu Ewigkeit über die[währet], so ihn fürchten«. Und was allenfalls noch ›bleibt‹, ist das biblische»Jubellied« 3 über Huld und Geduld trotz allen Signalen, die anzeigen, dass es schon damals eher um ›posttraumatische‹ Situationen ging. So ungefähr könnte es sogar Fontanes Schlusssatz gemeint haben: diese Coda im Anschluss an ein Gebet, das an»Gott« gerichtet ist und nach der»Missetat«, die schon der Psalmist überall wahrgenommen hat, jetzt»in Berlin« die »unermeßliche(n) Fülle Deiner Gnade« preist und seiner»Barmherzigkeit« huldigt. Stutzen lässt allerdings, dass diese»Huldigung« zugleich einem »Vater« gilt, der auf»steinerne[m] Unterbau« als»Reiterstandbild« gerade enthüllt wird. Das lenkt die auf den Bibel-Ton eingestimmte Lektüre in eine andere Richtung. Und blickt man weiter zurück, so ertönt da auch ein Lied mit leitmotivisch getaktetem»Zum dritten Mal«, ausklingend im denkwürdig gesättigten Achtergewicht:»nun ist es genug«. Man muss nicht die Sprache der Trolle kennen, um bei diesem»genug« zu stocken( Peer Gynt, 2. Akt). Das gelobte»Reich« ist da,»herrscht« über alles, und»Heerscharen« stehen bereit,»seinen Willen« zu tun. So endet der Krieg gegen Frankreich. Dienstbar können Menschen wie Texte werden, aber auch Widerstand leisten, gerade dann, wenn sie sich eine Zeit lang halten. Ihre wendbare
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(2021) 111
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