Heft 
(2021) 111
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158 Fontane Blätter 111 Dossier: Fontanes Der Krieg gegen Frankreich Haltbarkeit(darf es auch heißen: ihre nachhaltige Wendbarkeit?) lässt sich am Grad des Wiederlesens ermessen. Fontanes französisches Kriegsbuch ist bislang allerdings nicht durch eine ausgeprägte Wiederholungslektüre aufgefallen; auch scheint es kein Anwärter für eine ›Bibliothek der ungele­senen Bücher‹ zu sein, obwohl es vor einiger Zeit Aufnahme in die»Manes­se Bibliothek der Weltgeschichte« fand. 4 Ist es dennoch ein lesenswertes Jubel- und Loblied im Angesicht des angerichteten»Verderbens«? Welches ›Fürchten‹ erschiene dann als ›heilsam‹? Die friedliche Textklammer Was im Sinn des letzten Satzes»so« bleiben möge, ist zweifellos das»Boll­werk des Friedens«. Welcher Oberton in der Lektüre des Wortes ›Bollwerk‹ auch mitschwingen mag,»Friede« bildet die wörtliche Klammer, die den nahezu 2000-seitigen Krieg gegen Frankreich sinnstiftend bzw. beschwö­rend umfasst. Und dennoch gibt sie der kriegerischen Binnengeschichte keine verlässlich stabile ›Befriedung‹, lautet doch der Anfang vom Ganzen: »Der 1. Juli 1870 sah Europa in tiefem Frieden«. Genau dieser Eindruck aber markiert den Trug eigentlich aller Sinne, des Verstandes überhaupt. Schon die rahmende Klammer also zeigt Bruchstellen. Notgedrungener(?)»Abschied« und siegreiche(!)»Rückkehr. Einzug« scheinen trotzdem eine geradezu märchenhafte Sinnfassung für einen monströsen Geschichtenkörper zu sein, der erzählt, wie sein ›Held‹ sich wirklich bewährt: Unaufhaltsam schreitet er»vorwärts«, zieht hin und her, schwenkt und dreht sich, wälzt sich ab und auf. Naturgemäß ist er zweige­teilt und doch oft ineinander verkeilt, in den gesuchten Kollisionen berstend und doch sich stets neu zusammenraufend. Lineare, Schritt für Schritt vor­gehende Präsentation wäre eine lesefreundliche Darbietungsweise; und in der Tat versucht der Berichterstatter das Lesen zu lenken und Übersicht zu bieten. Aber das Räderwerk der Kriegsmaschinerie mit ihrem»Hüben und Drüben«, rechten und linken Flügeln, kaiserlichen und republikanischen Schwungrädern sowie mit dem lästigen Streit, wer wo tatsächlich gesiegt hat, verlangt simultane, verschachtelte, unterbrechende Darstellung. Die la­byrinthischen Bewegungen im Raum erfordern abstrakte Repräsentatio­nen, die behaupteten Leistungen im Gewirr der Kämpfe brauchen verlässli­che Zeugnisse bzw. unumstößliche Argumente. So entsteht ein mutierendes Textkollektiv, aneinandergereiht, ineinandergeschoben, aufgeschichtet, be­reit, Seite für Seite gelesen zu werden. Gelesen? Eine normale Lektüre im Wechsel des Gleichschritts von links nach rechts kommt nicht weit. Immer wieder finden die Augen Hilfe beim sichten­den Kreisen(auch der Finger) über Lage- und Aufstellungsskizzen mit gezo­genen Linien, Punkten und angedeuteten Verschiebungen, dazwischen