Heft 
(2021) 111
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Ein krauses Leseerlebnis  Aust 159 Männerporträts zum Anschauen und darunter ihr Leben als Fußnote. Dann gilt es wieder, Wörter apperzipierend zu lesen, Namen, Dienstgrade, Zahlen. Dicht daneben drängen sich semantische Ballungen ins Bewusst­sein, die im geschmeidigen Wortlaut umso greller klingen(»Und wie der Tag von Vionville viel Leid im Lande weckte, so auch viele Lieder«, I, 382). So entsteht ein Text-›Gestirn‹, das noch lange im Lese-›Gemüt‹ lasten wird, hörbar wie eine Orgel voller Register und Dynamik, oft betäubend(wie die später so genannte Waffe), stellenweise ermüdend, stumpfsinnig machend und doch mit Gespür für leise Töne, die zum Aufhören einladen. Das Ganze wirkt wie ein Textknäuel, in dem sich Menschen, Tiere, Geräte und Waffen verstricken, die aber im langen Lesen entwirrt sein wollen. Ein ›Lesebuch‹ wird aufgeschlagen, das epischen Atem voraussetzt, der ruhig geht, dann auch jubelt, stockt, ins Schluchzen wechselt und aussetzt, je nach Lauf der Dinge, wie sie die ›Textglieder‹ vor Augen führen: Lesen als buchstäblich nachvollzogene Wanderungen eines Kriegskolosses über eine»Stätte«, die ihn darf es je so heißen»nicht mehr kennet«? Was ist das für ein ›Lese­Buch‹? Volksbuch Infotainment Videospiel Zeitgenössische Rezensionen nannten Fontanes Krieg gegen Frankreich ein »Volksbuch« bzw. wünschten ihm jenen Erfolg, auf den dieser Begriff ab­zielt, ein Erfolg auf dem Büchermarkt und eine Präsenz im Bildungsbe­wusstsein möglichst aller, kurz: des Volkes. Zwar steht diesem Buchschick­sal die deklarierte Autorschaft im Wege, weil dieser Begriff als Mythos 5 eher ein kreatives Kollektiv unterstellt. Aber ›kollektiv‹ ist im Krieg gegen Frankreich mancherlei: jene besondere Mit-Autorschaft, die dadurch ent­steht, dass Texte unterschiedlicher Autoren, auch anonyme Berichte und volksliedartige Gedichte, vereint, vielleicht sogar in redigierter Form ›mode­riert‹ werden, weiterhin das präsentierte Handlungssubjekt, gewiss na­mentlich und hierarchisch gestaffelt, aber immer im engen Kontakt mit den Vielen, die mitgemacht haben, und schließlich das leitmotivisch verwendete ›Wir‹, wodurch das Ganze ein Buch ›für uns‹ wird, weil alle irgendwie ›be­teiligt‹ sind; ein ›Volksbuch‹ also mit vielen Dimensionen! Fontanes vierbändige Buchmasse erhält ihr spezifisches Gewicht als Vorform einer medialen Grundversorgung im soeben gegründeten Kaiser­reich, keine Propaganda, sondern eher Information im Einvernehmen mög­lichst vieler, die dabei waren bzw. anschließend darüber gedacht und ge­schrieben haben, sachverständig organisiert, lesbar und im Bemühen, eine angemessene Erinnerungskultur aufzubauen, die möglichst viele ›nach Hause‹ nehmen und dort lesend nacherleben können.