160 Fontane Blätter 111 Dossier: Fontanes Der Krieg gegen Frankreich So ein Werk bietet, um seine Kennzeichnung für heutige Gepflogenheiten anschlussfähig zu machen, ›Infotainment‹, eine eigenartige Form der nützlichen Unterhaltung bzw. unterhaltsamen ›Magazinsendung‹. Man könnte es ein nahezu unbändiges Narrativ nennen und seinen Ansatz bis hinein in die Mitmach-Dramaturgie von Videospielen verfolgen, die es in der Gegenwart auch auf der Basis von historischen Stoffen gibt: virtuell realisierte Wiederholung und Modifikation des ›Dabei-Seins‹ unter Einschluss von Meta-Ebenen des ›Mit-Kommentierens‹, variable Angebote der empathischen Rollenübernahme, eine stockwerkreiche Architektur mit Laufgängen und ›Türen‹, die alternative Handlungsräume öffnen. Dem krausen Weg des Erzählers und seiner vielen(gewiss nicht ›allen‹) Stimmen folgen, als Avatar seine»Wanderungen« durchs ›himmlische‹ Rhein-Land und über irdische Schlachtfelder begleiten, nein vollziehen – das alles wäre längst kein Shooter-Game für Möchte-gern-»Kombattanten« – dieser gewaltige, auch quälende moderne Nationaltheater-Apparat, der Fontanes Krieg gegen Frankreich von Anfang bis Ende ist. Welche friedliche ›Lesestrategie‹ wird diesem Werk voll echter Strategien gerecht? Verwirrend ist die Lektüre dieses ›Volksbuchs‹, wenn es denn je eines war oder werden sollte, verwirrend nicht deshalb, weil es im Verteidigungsfall oder für die gerechte Sache zum Kampf anstiftete, sondern weil nach seinem Lesen sich der Blick verändert und in harmlosen Landschaften den Spuk des militärischen Terrains entdeckt, in Bewegungen der öffentlichen Meinung und anderen Trends bloße Verschiebungen von Regimentern aus Stimmen erkennt und ›Courage‹ als soziales Engagement für alle anerkennen möchte. Verdient ein solches Lesebuch eine ›Trigger‹-Warnung? Auch wer so mitliest, wird sich fragen, ob er dazu neigt, Fontane»auf die Kunst« zu reduzieren. 6 Ohnehin ist ›Kunst‹ längst ein weites Feld geworden, und Literaturarchive bergen nicht nur Inkunabeln, die viel später einmal ›Volksbücher‹ genannt werden, sondern beginnen ernsthaft daran zu denken, auch leseähnliche oder gar ›lesefördernde‹ Videospiele zu sammeln 7 , und Bibliotheken erwägen zugleich, andere Werke auszusondern. Den Krieg gegen Frankreich lesen Was die ›volksbuchartige‹ Lesbarkeit dieses Werks betrifft, so ist damit nicht nur das verschlingende Lesen von Romanen und seine Fortsetzung in der gegenwärtigen Mediennutzung gemeint, auch keine ›leichte Sprache‹. Im Gegenteil fordert die volksbuchtypische, auch kalenderartige Mischung verschiedener Textformen unterschiedliche Leseformen heraus: verbale, kartographische und tabellarische. Kursorische Rezeptionsformen gegenüber Berichten, Schilderungen und Erzählungen(ein Unterschied, der heute kaum noch wahrgenommen wird) wechseln mit verlangsamenden Verarbei-
Heft
(2021) 111
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