Heft 
(2021) 111
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160 Fontane Blätter 111 Dossier: Fontanes Der Krieg gegen Frankreich So ein Werk bietet, um seine Kennzeichnung für heutige Gepflogenheiten anschlussfähig zu machen, ›Infotainment‹, eine eigenartige Form der nütz­lichen Unterhaltung bzw. unterhaltsamen ›Magazinsendung‹. Man könnte es ein nahezu unbändiges Narrativ nennen und seinen Ansatz bis hinein in die Mitmach-Dramaturgie von Videospielen verfolgen, die es in der Gegen­wart auch auf der Basis von historischen Stoffen gibt: virtuell realisierte Wiederholung und Modifikation des ›Dabei-Seins‹ unter Einschluss von Meta-Ebenen des ›Mit-Kommentierens‹, variable Angebote der empathi­schen Rollenübernahme, eine stockwerkreiche Architektur mit Laufgängen und ›Türen‹, die alternative Handlungsräume öffnen. Dem krausen Weg des Erzählers und seiner vielen(gewiss nicht ›allen‹) Stimmen folgen, als Avatar seine»Wanderungen« durchs ›himmlische‹ Rhein-Land und über irdische Schlachtfelder begleiten, nein vollziehen das alles wäre längst kein Shoo­ter-Game für Möchte-gern-»Kombattanten« dieser gewaltige, auch quä­lende moderne Nationaltheater-Apparat, der Fontanes Krieg gegen Frank­reich von Anfang bis Ende ist. Welche friedliche ›Lesestrategie‹ wird diesem Werk voll echter Strategien gerecht? Verwirrend ist die Lektüre dieses ›Volksbuchs‹, wenn es denn je eines war oder werden sollte, verwirrend nicht deshalb, weil es im Verteidi­gungsfall oder für die gerechte Sache zum Kampf anstiftete, sondern weil nach seinem Lesen sich der Blick verändert und in harmlosen Landschaften den Spuk des militärischen Terrains entdeckt, in Bewegungen der öffentli­chen Meinung und anderen Trends bloße Verschiebungen von Regimentern aus Stimmen erkennt und ›Courage‹ als soziales Engagement für alle aner­kennen möchte. Verdient ein solches Lesebuch eine ›Trigger‹-Warnung? Auch wer so mitliest, wird sich fragen, ob er dazu neigt, Fontane»auf die Kunst« zu reduzieren. 6 Ohnehin ist ›Kunst‹ längst ein weites Feld gewor­den, und Literaturarchive bergen nicht nur Inkunabeln, die viel später ein­mal ›Volksbücher‹ genannt werden, sondern beginnen ernsthaft daran zu denken, auch leseähnliche oder gar ›lesefördernde‹ Videospiele zu sam­meln 7 , und Bibliotheken erwägen zugleich, andere Werke auszusondern. Den Krieg gegen Frankreich lesen Was die ›volksbuchartige‹ Lesbarkeit dieses Werks betrifft, so ist damit nicht nur das verschlingende Lesen von Romanen und seine Fortsetzung in der gegenwärtigen Mediennutzung gemeint, auch keine ›leichte Sprache‹. Im Gegenteil fordert die volksbuchtypische, auch kalenderartige Mischung ver­schiedener Textformen unterschiedliche Leseformen heraus: verbale, karto­graphische und tabellarische. Kursorische Rezeptionsformen gegenüber Berichten, Schilderungen und Erzählungen(ein Unterschied, der heute kaum noch wahrgenommen wird) wechseln mit verlangsamenden Verarbei-