Heft 
(2021) 111
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Ein krauses Leseerlebnis  Aust 161 tungsprozessen gegenüber Gedichten und stehen geradezu still bei statari­schen Leseakten vor Karten, Tabellen, Statistiken und»Zusammenstellun­gen« des Heeres. So entsteht ein mehrdimensionaler Makrotext mit intern unterschiedlichem ›Steilheitsgrad‹, der den Lesevorgang rhythmisiert, ihn anstrengt und auch wieder entlastet, staucht und dehnt. Zum ›enzyklopädi­schen‹ Volksbuch gehört, dass man es nicht nur in eine Richtung liest, son­dern von Stelle zu Stelle springen kann, zurück und voraus, und immer wie­der dasselbe, weil der eine oder die andere(?) nicht genug davon haben kann»noch einmal«(I, 459) lautet eine Überschrift, ein Ruf, der eher im Volkstheater üblich ist. Als sinnbildende Textverarbeitung mag das Lesen»für alle Zeit« ziem­lich gleich bleiben. Aber als Beschäftigung, die auch Sinne und Gefühle weckt 8 , wird es sich von Tag zu Tag nach Maßgabe neuer Erfahrungen än­dern. Solche Wirkungen gehen natürlich nicht nur vom Lesen aus, sondern vollziehen sich in der Medienrezeption allgemein, zumal im Kino und ange­sichts von Comics, die beide den Krieg als Stoff künstlerisch verarbeiten (s. Jacques Tardis Le Cri du Peuple, 4 Bde., 2001 ff., dt. 2002 ff., Comic-Adap­tion von Jean Vautrins Roman über die Pariser Kommune). Schon im Um­kreis der militärischen Fachliteratur trägt der Krieg gegen Frankreich zu ›Erlebnissen‹ bei, aber es sind andere als die durch das autobiographische Interesse geweckten; und letztere können sich ja aufgrund namens- und familiengeschichtlicher Betroffenheit über die Lebensspanne der Beteilig­ten lange als ›Erinnerungsbedürfnis‹ erhalten. Selbst die akademische Lek­türe kennt Erlebniswerte, wenn sie zum Beispiel im kritischen Lesen ihre ›Befriedigung‹ findet. Was im ›informatorischen Lesen‹ 9 als fachsprachlich gängige Metapho­rik unauffällig bleibt, erhält im literarisch ›verfremdeten‹ Lesen eine phan­tastisch-groteske Tönung: Da bewegen sich hybride Körper aus menschli­chem, tierischem und stählernem Stoff, breiten sich aus und konzentrieren sich wieder, zerfallen und wachsen erneut zusammen, haben Flügel, Flanke und Rücken. Merkwürdige Handlungssubjekte sind das in singulär indivi­dueller und kollektiv anonymer Gestaltung, körperlich wie geistig reagie­rend. Fließende Textübergänge von Schilderungen und Zitaten über Zeug­nisse, Briefe und Gedichte bis hin zu tabellarischen Aufstellungen und »Summa«-Rechnungen der Gefallenen(I, 292) oder gar zu ›zeigenden‹ Ges­ten(I, 315, F 1) setzen eine flexible Lesefähigkeit voraus, die den oft raschen Wechsel zwischen eigenem und fremdem, faktualem und fiktionalem, ver­balem, numerischem und tabellarischem Text bewältigt. Hinzu kommt die Erweiterung der Lesekompetenz durch ›konkurrieren­de‹ Lesestoffe wie eben»Volksbuch« und mehr noch ›historischer Roman‹. Schon Émile Zolas La Débâcle(1892, dt. 1893) beeinträchtigt(austariert?) die Sachbuch-Lektüre durch die konsequente Wahl der ›gegenüberliegen­den‹ Erzählperspektive und überhaupt durch eine ›Familiengeschichte‹, die