100 Fontane Blätter 116 Literaturgeschichtliches, Interpretationen, Kontexte »Nächstens sende ich dir ein kleines, harmloses Buch das viel Glück gemacht, – mich aber wegen des darin gebrauchten Ausdrucks ›verblüfft‹(von einem Obersten vorausgesetzt!) in eine ehrengerichtl. Untersuchung und Strafe gebracht hat. Näheres ein anderes Mal. Herzlichen Gruss Dir u. Deiner Frau! Dein alter G. Fr« 43 Im Begleitbrief äußert sich deutlich Friedlaenders Resignation angesichts der Umstände des endlosen Verfahrens, die ihn beinahe selbst dazu bringen würden, seinen Wohnsitz aus Preußen nach Paraguay zu verlegen: Am Liebsten käme ich selbst! Und nicht wegen der schoeneren, sondern um der freieren Zone willen. Aber ich bin ein sesshafter Mann, mit Weib und zwei lieben Kindern, – hafte an der Scholle. Und man wird aelter, – mag man wollen oder nicht. Nicht Jedem ist Deine Energie gegeben, die keine Ruhe kennt, sondern immer mit neuer Kraft arbeitet und ersteht. – Die Zustände bei uns sind meines Erachtens ungesund und reif zum Aufbruch. Ich will für mich nichts mehr als Frieden im Haus und Herzen, Gesundheit und Glück der Meinigen und ab u. zu eine Erholung im Genuß von Privatarbeit, Lecture und»im Freien«. Geselligkeit, sogen.»Umgang«, die Streberei und alles Aeussere sind weit hinten liegende Dinge. 44 Dass es sich bei Bernhard Förster um den notorisch antisemitischen Agitator und bei dessen Frau um die nicht minder berüchtigte Schwester Friedrich Nietzsches handelte, lässt die tiefen Abgründe hinter Friedlaenders Schreiben erahnen. Der Gymnasiallehrer und Wagner-Verehrer Förster, wie Friedlaender 1843 geboren, gehörte spätestens seit er 1880 als Gründer der»Berliner Bewegung« die»Antisemitenpetition« an Bismarck lanciert und den jüdischen Fabrikanten Edmund Kantorowicz öffentlich antisemitisch bepöbelt hatte, zu den führenden Antisemiten des Kaiserreichs. Nachdem er in der Folge des Kantorowicz-Skandals seinen Lehrerposten aufgeben musste, hatte er nach längerem Aufenthalt in Paraguay 1886 mit der Kolonialsiedlung»Nueva Germania« nördlich von Asunción einen»judenfreien«»Zufluchtsort« für die»arische Rasse« ausgerufen. 45 Weder hätte Friedlaender hier Linderung in einer»freieren Zone« gefunden noch stand ausgerechnet dieser Adressat für einen»Aufbruch« in weniger»ungesunde« Verhältnisse. Schon in seiner»Antisemitenpetition« hatte er unter anderem die Entlassung aller Juden aus preußischen Richterämtern gefordert. 46 Wie kurze Zeit später bei Walther Rathenau scheint Friedlaenders Toleranz gegenüber Freunden auf rassistischen Abwegen notgedrungen sehr weit und eigentlich über die Grenzen des Erträglichen hinausgegangen zu sein, um sich partout nicht die antisemitische Ausgrenzung zu eigen zu machen und sich als»Jude« stigmatisieren zu lassen. 47 Ohne dass der krasse Widerspruch zwischen Briefinhalt und Adressat hier auch nur ansatzweise angemessen diskutiert werden kann, lässt sich zumindest festhalten, dass sich das Problem hinsichtlich der Freundschaft Friedlaenders zu
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(2023) 116
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100
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