Heft 
(2023) 116
Seite
159
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Das Nachleben der Muse  Woywode 159 Sie transzendiert und bewahrt einen Realismus, der die mimetische Ab­schilderung der Wirklichkeit vornimmt und zugleich ihre mythische Über­höhung vollzieht. Fischers Erzählung über das äußerst wandlungsfähige Nachleben der Muse in der Prosa des 19. Jahrhunderts ist daher eine Erzäh­lung über ihren, so das Fazit, nur vorläufigen Tod. Zuletzt seien ein paar Schwächen der Arbeit genannt. Die größte sind die Redundanzen, die schon in der deutlich zu langen und ungünstig struk­turierten Einleitung auffallen. Z. B. wird der für die Arbeit zentrale Begriff des Nachlebens auf S. 3 eingeführt, aber erst auf S. 21 mit Verweis auf Aby Warburg erläutert. Auch das Fazit hätte Kürzungen vertragen, denn es ver­folgt den von Fontane vorbereiteten mythologisch-musischen Subtext wei­ter und bietet eine ergänzende Untersuchung zu Thomas Manns Tod in Ve­nedig, eingeleitet von einer abgewandelten Lieblingswendung Fischers:»so flüchtig diese[] auch ausfallen möge«(257). Über diese Wendung kann man im Rest der Arbeit hinweglesen nur in diesem Fall nicht, denn sie führt zu einem unschönen Kompromiss: Für einen interesseweckenden Ausblick sind die Ausführungen zu Mann zu lang und mäandernd und für eine fun­dierte Untersuchung sind sie zu kurz und flüchtig. Besonders im Fazit ent­steht der Eindruck, dass die auch hier fehlende Stringenz darauf zurückzu­führen ist, dass noch schnell Begriffe wie Chronotopos und Alterität sowie eine Kurznennung Benjamins(der aber auch vorher schon zitiert wird) un­tergebracht werden sollten. Wie denn generell die theoretischen Verweise auf Warburg, Blumenberg oder die Allelopoiese nicht überzeugen können, da sie für die Arbeit nur sekundär relevant sind. Ein in der Einleitung ange­kündigtes»Modell«, mit»dem sich die»Transformationen des Motivs[der Muse, FW] bis in die Moderne hinein theoretisch fassen und adäquat be­schreiben lassen«(3), habe ich nicht ausfindig machen können und es auch nicht vermisst. Denn die Arbeit ist eine motivgeschichtliche Untersuchung (nicht Beschreibung), deren Ergebnisse auch ohne die theoretischen Anlei­hen im Ganzen überzeugen. Leider werden sie schon am Ende der Einlei­tung vorweggenommen, was in Anbetracht der zuweilen schlingernden Argumentation(gerade im James-Kapitel) aber kein Nachteil ist. Statt der theoretischen Hülsen wäre es allerdings angebracht gewesen, etwa das ›re­alistische Erzählparadigma‹ eingangs zu hinterfragen und zu erläutern, das durch eine sklavische Wirklichkeitsnachahmung nur unzureichend er­fasst wird, wie im Fontane-Kapitel dann auch deutlich wird. Trotz dieser Mängel hat Fischer eine gelungene Dissertation vorgelegt, deren anregen­de Pointe, es nur mit einem vorläufigen Ableben der Muse zu tun zu haben, weitere Arbeiten zum Nachleben der Muse hervorbringen möge. In Fi­schers immer wieder hervorscheinenden interpretatorischen Sensibilität und Begeisterung für das Thema haben sie ein gelungenes Vorbild, eine Inspiration. Felix Woywode