Das Nachleben der Muse Woywode 159 Sie transzendiert und bewahrt einen Realismus, der die mimetische Abschilderung der Wirklichkeit vornimmt und zugleich ihre mythische Überhöhung vollzieht. Fischers Erzählung über das äußerst wandlungsfähige Nachleben der Muse in der Prosa des 19. Jahrhunderts ist daher eine Erzählung über ihren, so das Fazit, nur vorläufigen Tod. Zuletzt seien ein paar Schwächen der Arbeit genannt. Die größte sind die Redundanzen, die schon in der deutlich zu langen und ungünstig strukturierten Einleitung auffallen. Z. B. wird der für die Arbeit zentrale Begriff des Nachlebens auf S. 3 eingeführt, aber erst auf S. 21 mit Verweis auf Aby Warburg erläutert. Auch das Fazit hätte Kürzungen vertragen, denn es verfolgt den von Fontane vorbereiteten mythologisch-musischen Subtext weiter und bietet eine ergänzende Untersuchung zu Thomas Manns Tod in Venedig, eingeleitet von einer abgewandelten Lieblingswendung Fischers:»so flüchtig diese[] auch ausfallen möge«(257). Über diese Wendung kann man im Rest der Arbeit hinweglesen – nur in diesem Fall nicht, denn sie führt zu einem unschönen Kompromiss: Für einen interesseweckenden Ausblick sind die Ausführungen zu Mann zu lang und mäandernd und für eine fundierte Untersuchung sind sie zu kurz und flüchtig. Besonders im Fazit entsteht der Eindruck, dass die auch hier fehlende Stringenz darauf zurückzuführen ist, dass noch schnell Begriffe wie Chronotopos und Alterität sowie eine Kurznennung Benjamins(der aber auch vorher schon zitiert wird) untergebracht werden sollten. Wie denn generell die theoretischen Verweise auf Warburg, Blumenberg oder die Allelopoiese nicht überzeugen können, da sie für die Arbeit nur sekundär relevant sind. Ein in der Einleitung angekündigtes»Modell«, mit»dem sich die»Transformationen des Motivs[der Muse, FW] bis in die Moderne hinein theoretisch fassen und adäquat beschreiben lassen«(3), habe ich nicht ausfindig machen können und es auch nicht vermisst. Denn die Arbeit ist eine motivgeschichtliche Untersuchung (nicht Beschreibung), deren Ergebnisse auch ohne die theoretischen Anleihen im Ganzen überzeugen. Leider werden sie schon am Ende der Einleitung vorweggenommen, was in Anbetracht der zuweilen schlingernden Argumentation(gerade im James-Kapitel) aber kein Nachteil ist. Statt der theoretischen Hülsen wäre es allerdings angebracht gewesen, etwa das ›realistische Erzählparadigma‹ eingangs zu hinterfragen und zu erläutern, das durch eine sklavische Wirklichkeitsnachahmung nur unzureichend erfasst wird, wie im Fontane-Kapitel dann auch deutlich wird. Trotz dieser Mängel hat Fischer eine gelungene Dissertation vorgelegt, deren anregende Pointe, es nur mit einem vorläufigen Ableben der Muse zu tun zu haben, weitere Arbeiten zum Nachleben der Muse hervorbringen möge. In Fischers immer wieder hervorscheinenden interpretatorischen Sensibilität und Begeisterung für das Thema haben sie ein gelungenes Vorbild, eine Inspiration. Felix Woywode
Heft
(2023) 116
Seite
159
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