Heft 
(2023) 116
Seite
158
Einzelbild herunterladen

158 Fontane Blätter 116 Rezensionen mythischen Vorbilds allerdings ohnehin nie, denn schon vor ihrer eigenen Bildwerdung ging Rooth eben dem mimetischen Handwerk des Schauspie­lens nach, schon vor Ihrer Abbildung war ihre künstlerische Wirksamkeit das verlebendigende Abbilden. In der verwickelten Kombination der litera­rischen und malerischen mimetischen»Um- und Neuschöpfung« mit dem »ursprungslosen Schaffen der Musen« gründe James, so Fischer, sein»Fun­dament moderner Literatur«(146), eine moderne Literatur jedoch, die auf der»Verwaschenheit des Motivs der Muse«(99) beruht und ein»Netz[] aus alternativen Inspirationsmomenten kreiert, derer es durch die Abwesen­heit einer Muse bedarf.«(103) Die Inspirationskraft wird von der Muse ge­trennt und zu einem Platzhalter umfunktioniert, der immer dann neu be­setzt werden kann, wenn die Imagination des jeweiligen Künstlers von einer ihm als Muse erscheinenden Person stimuliert wird. Im dritten Teil der Arbeit untersucht Fischer Theodor Fontanes Melusi­ne-Romane, besonders Fontanes ersten und seinen letzten Roman. In Vor dem Sturm»verfrachtet« er»die Musen und mit ihnen die gesamte antike Mythologie aufs Abstellgleis der(Kunst-)Geschichte«(199), wertet dafür aber die Figuren Marie und Hoppenmarieken mit ihrer inspirativen Imagi­nation zu Repräsentantinnen des rein Poetischen auf(vgl. 206), wie Fischer mit Bezug auf Müller-Seidel festhält. Fischer zeigt, wie der Dichter im Ver­gleich zu Balzac und James umgekehrt verfährt. Während diese die antike Musenkonzeption aktualisierten und mit einer dem 19. Jahrhundert ange­passten Form versähen, würde Fontane die Melusine in lebenslanger my­thopoetischer»Bearbeitung seiner Texte nachträglich mit poetischer Schöpfungskraft auf[]laden und so erst durch diese Transformation zur po­etologischen Reflexionsfigur«(162) erheben. Dadurch tritt die Melusine, der die letzten Worte in Fontanes letztem Roman gehören, an die Stelle der an­tiken Muse und repräsentiert bis zuletzt das Geheimnis der»Poesie selbst« (162) mit einer epochalen Inversion, die deutlich wird, als Melusine ver­hindert, dass die unter der Eisdecke des Stechlin befindlichen Geheimnisse ergründet werden, was zugleich ihr eigenes Geheimnis lüften würde, denn der See ist mythologisch gesehen ihr ureigenes Element. War die antike Muse Garant höherer, göttlicher Eingebungen, die den sie empfangenden Dichter sich als Teil des göttlich durchdrungenen Kosmos haben erfahren lassen, bewahrt Fontanes Melusine auf diese Weise»das Gegebene der er­zählten Realität« und repräsentiert, so Fischer, selbst»die gelungene Inte­gration des vergangenen Mythischen in den zeitgemäßen Roman.«(250) Ge­lingen kann diese Integration allerdings nur, indem dieses Mythische als subtile, tiefere Deutungsebene den Melusine-Texten Fontanes unterlegt wird und dort verbleibt vergraben unter der erstarrten Zeichenschicht ei­nes rational-realistischen Plausibilisierungszwangs, der von der mythologi­schen Melusine unterlaufen und ausgeglichen wird. Die Grenze zwischen Poesie und Prosa verläuft auf der vereisten Demarkationslinie der Melusine: