Heft 
(2023) 116
Seite
161
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Ende offen  Ewert 161 und Pop, Film und Schauspiel, Literatur, Malerei, Comic, bildende Kunst und Architektur in all diesen Bereichen werden zahlreiche Monumente des Scheiterns von Künstlern Künstlerinnen finden bedauerlicherweise nur marginale Berücksichtigung aufgespürt, wobei man in manchen Bio­grafien fast ein Gesetz der Serie zu erkennen meint. Dabei erweist es sich als Pointe, dass die überschießende Phantasie und der Möglichkeitsraum des Unfertigen beschworen werden, gemäß der augenzwinkernd vorgetrage­nen Losung des einleitenden Manifests:»Nichts darf aufhören. Alles soll weitergehen. Kein Werk darf abgeschlossen sein. Vollendung ist der Tod, und der Tod ist eine Zumutung.«(S. 18) Die Liste der gescheiterten Kunst­werke und ihrer Schöpfer ist lang. Sie reicht von den gotischen Kathedralen bis zu Wolfgang Herrndorfs letztem Roman, von Michelangelo und Leonar­do da Vinci bis zu Friedrich Hölderlin, Novalis, Caspar David Friedrich, Marcel Proust, Franz Kafka, Billy Wilder und den Marx Brothers, John Cage, Robert Musil, Jerry Lewis, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Arno Schmidt, Wim Wenders und vielen anderen, vom Fluch der neunten Sinfonie bis zu Stanley Kubricks wahnwitzigem Napoleon-Projekt, von Klas­sikern der Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte bis zu speziellen Vorlie­ben Steinaeckers, der sich, 1977 geboren, als Sprach-, Bild- und Soundavant­gardist, als Dokumentarfilmer, Roman- und Hörspielautor einen Namen gemacht hat. Sein Interesse gilt dem Unabsichtlichen und den Gescheiterten. Ab­sichtliche Fragmente, wie sie die Romantiker konzipierten, kommen für ihn nicht in Betracht. Die Unterteilung in die keineswegs überschneidungsfrei­en Kategorien»Utopie«,»Tod«,»Größenwahn« und»Der Zufall möglicher­weise« verdeutlicht zudem, dass systematische Ordnungsprinzipien keine Priorität beanspruchen. Kohärente Werkanalysen darf man ebenso wenig erwarten. Dem Lesevergnügen ist das aber nicht abträglich. Die bestechen­den Vorzüge liegen nämlich auf einem anderen Feld: in der staunenerregen­den Fülle der recherchierten und anregend präsentierten Künstlerschick­sale, in der Einladung zum Nachlesen und zur Weiterbeschäftigung sowie in einem Gespür des Autors für künstlerische Prozesse, die selbst im Mo­ment des Scheiterns Größe und Widerständigkeit offenbaren. Personal- und kostenintensive Großprojekte wie Spielfilme sind in be­sonderem Maße der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt. Es verwundert daher nicht, dass einem Filmregisseur die Krone aufgesetzt wird. Und in der Tat dürfte sich Orson Welles den Ruhm als»König des Scheiterns« redlich ver­dient haben:»An kaum einer anderen Biographie lässt sich die mitleidlose Vielfalt des Scheiterns so gut studieren wie an der des amerikanischen Re­gisseurs und Schauspielers. Aber auch die Kunst des Überlebens.«(S. 378) Die erste Einstellung zeigt die Dreharbeiten zu einer low-budget-Produktion 1979 im Wohnzimmer einer Villa in Los Angeles. Beteiligt sind ein Kamera­mann und eine junge Darstellerin. Regie führt ihr übergewichtiger Lebens-