Ende offen Ewert 161 und Pop, Film und Schauspiel, Literatur, Malerei, Comic, bildende Kunst und Architektur – in all diesen Bereichen werden zahlreiche Monumente des Scheiterns von Künstlern – Künstlerinnen finden bedauerlicherweise nur marginale Berücksichtigung – aufgespürt, wobei man in manchen Biografien fast ein Gesetz der Serie zu erkennen meint. Dabei erweist es sich als Pointe, dass die überschießende Phantasie und der Möglichkeitsraum des Unfertigen beschworen werden, gemäß der augenzwinkernd vorgetragenen Losung des einleitenden Manifests:»Nichts darf aufhören. Alles soll weitergehen. Kein Werk darf abgeschlossen sein. Vollendung ist der Tod, und der Tod ist eine Zumutung.«(S. 18) Die Liste der gescheiterten Kunstwerke und ihrer Schöpfer ist lang. Sie reicht von den gotischen Kathedralen bis zu Wolfgang Herrndorfs letztem Roman, von Michelangelo und Leonardo da Vinci bis zu Friedrich Hölderlin, Novalis, Caspar David Friedrich, Marcel Proust, Franz Kafka, Billy Wilder und den Marx Brothers, John Cage, Robert Musil, Jerry Lewis, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Arno Schmidt, Wim Wenders und vielen anderen, vom Fluch der neunten Sinfonie bis zu Stanley Kubricks wahnwitzigem Napoleon-Projekt, von Klassikern der Kunst-, Literatur- und Kulturgeschichte bis zu speziellen Vorlieben Steinaeckers, der sich, 1977 geboren, als Sprach-, Bild- und Soundavantgardist, als Dokumentarfilmer, Roman- und Hörspielautor einen Namen gemacht hat. Sein Interesse gilt dem Unabsichtlichen und den Gescheiterten. Absichtliche Fragmente, wie sie die Romantiker konzipierten, kommen für ihn nicht in Betracht. Die Unterteilung in die keineswegs überschneidungsfreien Kategorien»Utopie«,»Tod«,»Größenwahn« und»Der Zufall möglicherweise« verdeutlicht zudem, dass systematische Ordnungsprinzipien keine Priorität beanspruchen. Kohärente Werkanalysen darf man ebenso wenig erwarten. Dem Lesevergnügen ist das aber nicht abträglich. Die bestechenden Vorzüge liegen nämlich auf einem anderen Feld: in der staunenerregenden Fülle der recherchierten und anregend präsentierten Künstlerschicksale, in der Einladung zum Nachlesen und zur Weiterbeschäftigung sowie in einem Gespür des Autors für künstlerische Prozesse, die selbst im Moment des Scheiterns Größe und Widerständigkeit offenbaren. Personal- und kostenintensive Großprojekte wie Spielfilme sind in besonderem Maße der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt. Es verwundert daher nicht, dass einem Filmregisseur die Krone aufgesetzt wird. Und in der Tat dürfte sich Orson Welles den Ruhm als»König des Scheiterns« redlich verdient haben:»An kaum einer anderen Biographie lässt sich die mitleidlose Vielfalt des Scheiterns so gut studieren wie an der des amerikanischen Regisseurs und Schauspielers. Aber auch die Kunst des Überlebens.«(S. 378) Die erste Einstellung zeigt die Dreharbeiten zu einer low-budget-Produktion 1979 im Wohnzimmer einer Villa in Los Angeles. Beteiligt sind ein Kameramann und eine junge Darstellerin. Regie führt ihr übergewichtiger Lebens-
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(2023) 116
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161
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