162 Fontane Blätter 116 Rezensionen gefährte, kein Geringerer als Orson Welles, Regisseur von Citizen Kane, des nach dem Urteil von Kennern vielleicht besten Films der Kinogeschichte, und ein legendärer Schauspieler. Wie die meisten seiner Vorhaben blieb die genannte Wohnzimmerverfilmung auf der Strecke. Vielleicht war es kein Zufall, dass sich Welles ausgerechnet Karen Blixens Erzählung The dreamers vornahm, da die Geschichte einer Opernsängerin, die sich durch einen Schicksalsschlag nicht unterkriegen lässt, ihn angesprochen haben könnte. Schicksalsschläge durchziehen nämlich das bewegte und arbeitsreiche Leben von Orson Welles zuhauf. Internationale Berühmtheit erlangt er, als 1938 seine Hörspiel-Adaption von Krieg der Welten eine Massenpanik auslöst, weil die Hörer der Nachricht einer Landung von Außerirdischen Glauben schenken. Obwohl ihm danach zunächst die Türen Hollywoods offenstehen, stoßen seine experimentellen Werke, darunter eine Verfilmung von Joseph Conrads Herz der Finsternis, seitens der Produktionsfirma auf Ablehnung. Dass die meisten seiner weiteren Arbeiten ebenfalls Torsi bleiben, mag seiner Begeisterungsfähigkeit zuzuschreiben sein. Oft erschien ihm ein neues Vorhaben verlockender, als das begonnene abzuschließen. Rekordverdächtig ist die Entstehungszeit seines Films The Other Side of the Wind, der 1970 sein Hollywood-Comeback einleiten sollte. Das Werk benötigte ganze 48 Jahre bis zu seiner postumen Fertigstellung. Die Reihe grotesker und tragikomischer Episoden im Leben von Orson Welles wäre unvollständig ohne seinen Versuch, vor heimischer Minimalkulisse Moby Dick zu verfilmen und alle Rollen selbst zu übernehmen. 1985 bricht er im Alter von siebzig Jahren bei der Arbeit an einem Drehbuch tot zusammen. Für seine zahlreichen Fans hält sein avantgardistischer Film F wie Fälschung einen Trost bereit:»A fact of life: We‘re going to die. ›Be of good heart‹, cry the dead artists out of the living past. ›Our songs will all be silenced, but what of it? Go on singing!‹«(S. 387) Wie eine traurige Pointe mutet es an, dass die meisten der dreizehn realisierten Produktionen von Orson Welles in unterschiedlichen Fassungen vorliegen und durch nachträgliche Eingriffe verfälscht wurden. Sein teilweise noch ungesichteter Nachlass lagert im Münchener Filmmuseum, über 1,8 Tonnen Material. Neben großen Werken der Kunst und Kulturindustrie umfasst die Geschichte gescheiterter Projekte vergleichsweise skurrile Schöpfungen, allen voran der Throne of the Third Heaven, eine aus Sperrmüll, Flaschen, Glühbirnen und Unmengen an Gold- und Silberfolie geschaffene Arbeit von James Hampton. In vieljährigen Nachtschichten hatte der Erbauer in einer angemieteten Garage in Washington D.C. unbemerkt einen funkelnden Thronsaal für die Wiederkehr Christi geschaffen, dessen Anblick, wie Thomas von Steinaecker kommentiert, manchen späteren Besucher an das Öffnen einer Pharaonen-Grabkammer erinnert haben dürfte.(S. 109) Der durch den Tod Hamptons unvollendet gebliebene Throne of the Third Heaven befindet sich heute im Smithsonian Museum, einem der bedeutendsten
Heft
(2023) 116
Seite
162
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten