Heft 
(2023) 116
Seite
163
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Ende offen  Ewert 163 Kunstmuseen der USA. Neben seinem glitzernden Thronbau hinterließ James Hampton ein hundertseitiges Notizbuch, das in einer bislang unent­schlüsselten Sprache den Sinn des Werks und die Visionen des Erbauers kundtut. Zumindest das haben die unvollendeten und die vollendeten Kunstwer­ke gemeinsam: Sie stellen Rätsel dar, wie ein weiteres Beispiel verdeutlichen soll, der letzte Spaziergang Max Beckmanns in New York:»An der Ecke der 69. Straße und Central Park West bricht der stämmige Mann aus Deutsch­land tot zusammen. Seltsamerweise hatte er an diesem Tag vor, die Ausstel­lung ›American Painting Today‹ zu besuchen, in der sein letztes Selbstport­rät gezeigt werden sollte, ›Selbstbildnis in blauer Jacke‹. Es war bewusst als Schlusspunkt einer Reihe von Selbstporträts angelegt gewesen, die Beck­mann sein Leben lang tagebuchartig begleiteten. In seiner blauen Jacke wirkt er auf dem Bild ausgemergelt, desillusioniert. Nervös zieht er an der Zigarette, als ginge es zur Hinrichtung. Und da ist noch etwas. Ein Detail. Hinter ihm ist eine Leinwand zu sehen. Sie ist leer.«(S. 345) Aber ist es über­haupt eine Leinwand? Könnte es sich nicht um die Rückseite eines Bildes handeln? Oder um einen Vorhang, der ein Stück weit zurückgezogen ist, sodass ein Spalt sichtbar wird? Gibt es nicht ein Dahinter, das der Betrach­ter nicht zu Gesicht bekommt? Solche Fragen, die Steinaeckers Kulturge­schichte gescheiterter Kunstwerke in Hülle und Fülle aufwirft, machen den Band zu einer äußerst anregenden Lektüreerfahrung. Der Empfehlung ist noch hinzuzufügen, dass das Buch auch in seiner Aufmachung ein kleines Kunstwerk darstellt, allein wegen seines in goldenen Lettern auf grünem Leinenumschlag gehaltenen Titels. Er ist unvollendet. Michael Ewert