Emilie Fontane an Paula Conrad| Herrmann, Millutat | 27 welt stehen und Aufschluss über Emilie Fontanes Eindrücke als Theaterbesucherin geben. Das Theater, schreibt sie der Schauspielerin am 11. August 1891, sei ihr »liebstes Vergnügen«. Entsprechend enthüllt die Korrespondenz vielfach den Blick einer versierten Zuschauerin, die zahlreiche Aufführungen und In szenierungen überblickt, sich ein Urteil gebildet hat zu neuesten Erscheinungen der Theaterwelt(Ibsen, Hauptmann) und die, selbst Mitglied der Welt der Kulturschaffenden, Autoren, Kritiker, Darsteller und Hintergründe aus erster Hand kennt. Als Theodor Fontane den Posten des Theaterkritikers längst aufgegeben hat, –»Ich bin nicht ungern ins Theater gegangen, und wenn ich mal da war, habe ich mich immer amüsiert, auch wenn es scheußlich war. Fällt aber der Zwang fort, so werde ich von nun an wohl lieber zu Hause bleiben« 40 – ist Emilie Fontane weiterhin begeisterte Theaterbesucherin und formuliert eigene Kritik: Es treibt mich, Ihnen meinen herzlichsten Dank für den hohen Genuß auszusprechen, den mir die gestrige Aufführung des Hamlet bereitet hat. Kainz war stellenweise ganz ersten Ranges und nur das öftere zu rasche oder zu leise Sprechen, schmälerte, wenigstens bei mir, ab und zu den Eindruck seiner Rede. Vieles hat mich erschüttert; die Scene: Schwört etc., mit Ophelia, mit seiner Mutter; nur schien mir der Vater, vielleicht weil ich zu nah saß, zu sichtbar. Einen so ausgezeichneten König wie ihn Hr. Reiher giebt, entsinne ich mich nicht, in meinem langen Leben je gesehn zu haben. Und die engelhafte Erscheinung der Ophelia! 41 Auch ohne ihren Mann besuchte Emilie Fontane die Berliner Bühnen und korrespondierte darüber mit Familie und Freunden, darunter Paula Conrad, an die sie 1896 schrieb:»Mein Alter wird aber dem Theater immer mehr abhold, weil er so schwer versteht; er meint, es liege an den Schauspielern, wir meinen, an seinem Gehör. Aber den neuen Ibsen will er sich ansehen u. prüfen, ob er in seiner keimenden Abneigung gegen denselben bestärkt wird.« 42 Paula Conrad-Schlenther wurde am 27. Februar 1860 als Pauline Conrad in Wien geboren. Aus einfachen Verhältnissen stammend, begeisterte sie sich schon als Kind für das Theater und wirkte als junge Darstellerin in Kinderaufführungen mit. Ohne professionelle Ausbildung begann sie ihre Karri ere als Schauspielerin bereits mit 16 Jahren in Baden bei Wien. 43 1880 begeisterte sie als Gast am Königlichen Schauspielhaus in Berlin Publikum und Schlenthers gibt Dieterle, wie Anm. 1. 40 Theodor Fontane an Paul Schlenther, 4. Dezember 1889, vgl. Hoyer 1975, wie Anm. 39, S. 471. 41 Emilie Fontane an Otto Brahm, 2. November 1894, Erler, wie Anm. 37, S. 323. 42 Emilie Fontane an Paula Conrad-Schlenther, 4. Januar 1896, Erler, wie Anm. 37, S. 325.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
27
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