Heft 
(1.1.2025) 119
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Theodor Fontane an Paul Schlenther| Möller | 33 Gestern Abend waren Brahm 8 und Hauptmann 9 bei uns und wenn sie sich eben so gut amüsirt haben wie ich mich, so kann ich zufrieden sein. Haupt­mann, um 8 von uns erwartet, kam schon, wahrscheinlich aus Rücksicht auf den Urgreis, 10 um, was nun eine merkwürdige Situation heraufbeschwor. Er traf nur Corinna 11 im Tête a Tête mit einer Gräfin Wachtmeister, 12 was ge­rade diffizil 13 genug war; aber schon 5 Minuten später complicirte sich die Sache: Geh. Justizrath Lessing 14 wurde gemeldet und trat ein. Erst eine gute Weile später konnte ich als rettender Engel erscheinen. Meine Damen 15 empfehlen sich Ihnen und unsrer verehrten Freundin. 16 In vorzüglicher Ergebenheit/ Th. Fontane. 8 Otto Brahm(1856–1912), Journalist, 1881 bis 1885 als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung für die Privattheater Kollege Fontanes und seit der Zeit mit diesem befreundet, 1889 Mitbegründer und erster Präsident des Theatervereins Freie Bühne, Chefredakteur der Zeitschrift Freie Bühne für modernes Leben, seit 1894 Leiter des Deutschen Theaters, einer der Förderer Hauptmanns und Wegbereiter des Naturalismus(vgl. Fontane Blätter 104, 2017 und 117, 2024. 9 Gerhart Hauptmann(1862–1946), Bühnendichter, mit seinen frühen Dramen einer der wichtigsten deutschen Bühnenautoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vgl. Theodor Fontane Handbuch. Berlin, Boston: De Gruyter 2023. Hrsg. von Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke, Julia Bertschik. Bd.1, S. 191 ff. 10 Selbstironie Fontane, 1819 geboren, stand im 78. Lebensjahr. 11 Martha Fontane(1860–1917), Fontanes Tochter, nach der gleichnamigen Figur in Fontanes Roman Frau Jenny Treibel. Martha Fontane zeichnete einige ihrer Briefe an Paul Schlenther und Paula Conrad selbst mit Corinna.(vgl. Fontane Blätter 34, 1982, S. 143; Theodor Fontane und Martha Fontane. Ein Familienbriefnetz. Hrsg. von Regina Dieterle. Berlin, New York: De Gruyter 2002, S. 496; Regina Dieterle: Die Tochter. München 2006, S. 274–276). 12 Margarete von Wachtmeister, geb. von Veit(1865–1928), die Tochter von Gustav von Veit und Gutsherrin von Zansebuhr, mit Fontanes Tochter Martha befreundet. 13 Humorvolle Anspielung auf die ›nominellen‹ Rangunterschiede zwischen den Gästen. 14 Carl Robert Lessing(1827–1911), der Haupteigentümer der Vossischen Zeitung. Fontane bemühte sich in den 1880er- und 90er-Jahren darum, sein Verhältnis zu Lessing, von dessen Wohlwollen er als Mitarbeiter und Pensionär der Zeitung abhängig war, nicht unnötig zu belasten. Lessing stand dem Naturalismus ablehnend gegenüber und hatte auch den Abdruck von Irrungen, Wirrungen im Jahr 1887 massiv kritisiert(vgl. Klaus-­Peter Möller:»Schneppengeschichten«. Die Leserbrieflegende zu»Irrungen, Wirrungen«. In: Mitteilungen der Theodor Fontane Gesellschaft e. V. 63, Dezember 2022, S. 57–58). 15 Emilie Fontane(1824–1902), Fontanes Frau, und seine Tochter Martha Fontane(siehe Anm. 11), die beide ebenfalls mit Schlenther und dessen Frau Paula Conrad(siehe folgende Anm.) befreundet waren. 16 Die Schauspielerin Paula Conrad(1860–1938), seit 1892 mit Schlenther verheiratet, vgl. den Beitrag von Jule Ana Herrmann und Marie Millutat in diesem Heft, S. 12–30.