Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
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96 | Fontane Blätter 119| Forschung als Schwarzkoppen bei Christine. Des Weiteren ist von Arnes taktischen Ratschlägen die Rede, die vor dem Hintergrund seiner Lehre der Mäßigung und des Maß-Haltens zu verstehen sind. Während Christine und Helmuth jeweils(und in entgegengesetzter Weise) nach Extremen streben, peilt er die Mitte an, was ihm in und um Holkenäs herum Respekt verschafft hat. 45 Arne empfiehlt seinem Schwager beispielsweise, mit einer geringen Dosis man denke an den Homöopathie-Diskurs und das Verfahren des Mithridatismus Anspielungen Christines Eifersucht zu wecken und so ihre(aus der männ­lichen Perspektive charakterisierte) zu rigide Verhaltensweise zu therapie­ren. Seine Briefkorrespondenz mit dem Grafen dokumentiert zudem ein ­strategisches Denken und ist zugleich Bestandteil seines strategischen Han ­delns, das Arne in seiner Funktion als moderner und aufgrund der Verheira­tung der Schwester und Einflussnahme auf die Holkschen Landgüter mäch ­tiger Schlossherr unterstreicht. Im Unterschied zur nachfolgend genauer beschriebenen Ebba oder zu Brigitte zeichnet sich Arne nicht durch(in der Regel männlich konnotierte) Eroberungs-, sondern durch(oftmals weiblich markierte) Vermittlungs- und Vernetzungsversuche aus. Diesbezüglich kann eine Art Umbesetzung genderspezifischer Verhaltensmuster konstatiert wer ­den, die auch hinsichtlich des Ehepaars Holk beobachtet werden kann, da Christine als die dominante und mächtigere Figur skizziert und auch da­durch die Wirkmacht der Adelsfamilie Arne auf Arnewiek noch einmal un­terstrichen wird. Ebba von Rosenberg nähert sich dem Grafen wie bereits angedeutet im Modus des Sprechens und Erzählens an und zeichnet sich durch hohe Risi­kobereitschaft aus, wie sich beispielsweise beim gemeinsamen Schlitt­schuhlaufen zeigt. Die Zusammenkunft in ihrem Fredericksborger Turm­zimmer wird von ihr im Unterschied zu Helmuth jedoch nicht als Anfang eines zukünftigen(Liebes-)Bündnisses, sondern als Höhepunkt einer amourösen Eroberung interpretiert, wie sie mutmaßlich auch Brigitte Han ­sen zum Ziel hatte. Gerhart von Graevenitz nennt Ebba eine Spekulantin, die »Fontane mit einer Fülle von Details überdeterminiert als Repräsentantin des modernen Judentums« 46 ausstaffiert habe. Da in die Romanhandlung weitere(realhistorische bis fiktive) Verführungs- und Mesalliance-Ge ­45 Zur Frage des(richtigen) Maßes vgl. Bachmann, wie Anm. 26, S. 181. 46 Gerhart von Graevenitz:» Suum cuique rapit« oder» Brigitte mit dem Frühstück«. Über Raumreserven, Raumvorstellungen und Fontanes» Unwiederbringlich«. In: Michel Neumann, Marcus Twellmann, Anna-Maria Post, Florian Schneider(Hrsg.): Modernisie­rung und Reserve. Zur Aktualität des 19. Jahrhunderts. Stuttgart 2017, S. 157–171, hier S. 161. Ebba ist nach von Graevenitz die»Inkarnation des gefährlichen Modernen«(ebd., S. 160), was ansatzweise auf weitere jüdische Figuren wie den(allerdings konvertierten) Veterinärmediziner Lissauer, der durch neue Praktiken auf sich aufmerksam macht, oder den im Dienste der dänischen Prinzessin stehenden Baron Ebenezer Pentz, der u. a. das moderne Kopenhagen verkörpert, zutrifft.