Gespenster der Vergangenheit| Hehle | 255 ins Wanken gerät, sondern durchsetzen sie, während sie an der Oberfläche unangefochten scheint, mit ihrer beunruhigenden, untergründigen Präsenz. Spuk ist ein Symptom. Wenn Unrecht begangen und dann mit Schweigen bedeckt wurde, sucht das Verdrängte die Opfer der Repression oder die Täter gespenstisch heim, nach Jahren, Jahrzehnten oder auch nach Generationen. In der viktorianischen Epoche sind es die Unterdrückung der Sexualität, das Gebot einer ins Widersinnige umschlagenden ›Rationalität‹ und das Machtgefälle zwischen Mann und Frau, die Spuk ›hervorbringen‹. In der postsowjetischen Zeit die Lubjanka, der deutsche Angriffskrieg gegen Russ land, die stalinistischen Schauprozesse und der Gulag, die spukhaft wieder zum Leben erwachen. Aleida Assmann nennt in ihrer Monografie von 1999 als Extremfall eines stark kontrollierenden Staates, der unerwünschte Be standteile des Speichergedächtnisses und deren Potenzial für kulturellen und politischen Wandel unterdrückt, die Sowjetunion unter Stalin, 80 also die Epoche, auf die die meisten von Lebedews Erzählungen auf der Handlungsebene referieren. Doch für das putinsche Russland ihrer Entstehungszeit, auf das sie sich pragmatisch beziehen, gilt nichts anderes: 81 Das kollektive Funktionsgedächtnis wird eng definiert, durch Selektion, Umdeutung und Mythenfabrikation manipuliert; konkurrierende Erinnerungen und deren Institutionalisierung werden unterdrückt, wie z. B. die erzwungene Auflö sung der Historischen Gesellschaft und Menschenrechtsorganisation Memorial im Jahr 2021 zeigt. Im Gegensatz dazu prägen in der ›westlichen Welt‹ rivalisierende Ideologien, wegen der zunehmenden Intoleranz auf beiden Seiten mitunter bereits als neuer ›Kulturkampf‹ bezeichnet, und die damit verbundenen Erinnerungskonkurrenzen den öffentlichen Diskurs. Werden wir also demnächst einen neuen Boom von Gespenstergeschichten erleben? 80 Assmann(wie Anm. 10), S. 140. 81 Vgl. Ilma Rakusa: Die Dämonen der Vergangenheit geben keine Ruhe. Sergej Lebedew schenkt in seinen Erzählungen den Opfern der russischen Gewaltherrschaft ein zweites Leben. In: Neue Zürcher Zeitung, 2.4.2024. https://www.nzz.ch/feuilleton/Sergej-lebedews-erzaehlungen-titan-oder-die-gespenster-der-vergangenheit-ld.1823668 (Abrufdatum: 17.4.2025).
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
255
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten