260 | Fontane Blätter 119| Dossier 1. Nachlass-Inventare(1902–1935) Die Überlieferungsgeschichte der Fontane-Papiere wird traditionell vom Nachlass aus dargestellt. 6 Begleitet wurden die Bildung, die Reduzierung in folge verschiedener Absplitterungen, die Anreicherung und Strukturierung, schließlich die Zerstreuung und Weitergabe des Nachlasses durch zahlreiche Inventare, Auflistungen, Kataloge, Pack- und Revisionslisten, von denen bisher nur wenige wissenschaftlich erfasst und ausgewertet wurden. Viele dieser Verzeichnisarbeiten sind gar nicht bekannt, einige verschollen. Schon Fontane selbst hat sein entstehendes Archiv, wo es nicht durch Gliederung, Ordnung und Beschriftung mit Banderolen und Streifbändern hinreichend zu überblicken war, inventarisiert. Überliefert sind zwei verschiedene Inventare seiner Theaterkritiken, 7 beide durch die Wirren der Überlieferungsgeschichte dem Archiv-Bestand entfremdet; der Bestand, den sie beschrei ben, die vom Autor selbst angelegte Sammlung seiner Theaterkritiken, ist verschollen. Fontanes eigene Inventarisierungs- und Ordnungsverfahren gelangen zunehmend in den Blick der Forschung. 8 Beschreibungen des Nachlasses im Jahr 1898 oder 1902 in der Ordnung Fontanes und seiner Frau fehlen jedoch nach wie vor. Für die beiden Bestandsbildner Theodor und Emilie Fontane waren das Archiv und seine Ordnung Selbstverständlichkeiten. Die Erben, ab 1902 für den Nachlass verantwortlich, mussten sich einen Überblick verschaffen über die für sie zunächst unübersehbaren Hinterlassenschaften ihrer Eltern. Ihr Ziel, den Nachlass vor allem durch die Edition von Nachlassausgaben zu verwerten, führte zur Absplitterung eines wesentlichen Teilbestandes, der Manuskripte der publizierten Werke, die zusammen mit einigen musealen Erinnerungsstücken, darunter dem Schreibtisch samt Zubehör, dem Märkischen Museum übereignet wurden. Außerdem verfolgten die Erben die Absicht, eine zeitgemäße Gesamtausgabe zu realisieren. Der wichtigste Akteur in dieser Zeit war Friedrich Fontane, der den Nachlass verwahrte und erschloss und dessen verschiedene Teile im Blick behielt, auch wenn sie bei seiner Schwester, Rechtsanwalt Paul Meyer oder anderen Ortes lagerten. Er informierte seinen Miterben und die Nachlasskommission über den Nachlass und trieb die geplanten Editionen voran: die Gesamtausgabe, die Briefsammlungen, die Causerien über Theater , den 6 Carolin Jessen: Nachlass und überlieferte Handschriften Fontanes. In: Theodor Fontane Handbuch. Hrsg. von Rolf Parr, Gabriele Radecke, Peer Trilcke u. Julia Bertschik. Berlin, Boston: De Gruyter 2023. Bd. 1, S. 907 – 919, dort auch die weitere Literatur. 7 Busch, Möller, Trilcke 2024, wie Anm. 3, S. 306 – 308, Abb. S. 308. 8 Vgl. etwa Petra S. McGillen: Der Fontane-Workshop. Realismus-Manufaktur im Zeitalter der Druckmaschinen. Aus dem Englischen von Joe Paul Kroll in Zusammenarbeit mit der Autorin. Würzburg: Königshausen& Neumann 2023.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
260
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