Heft 
(1.1.2025) 119
Seite
342
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342 | Fontane Blätter 119| Rezensionen Vorschriften und Formen vergänglicher als die pragmatische Kompetenz der Höflichkeit sind, die sich nicht in Floskeln pressen lässt. Emilia Fiandra schließlich untersucht die Textanfänge sowie die Salonszenen unter erzähl­dramaturgischen Gesichtspunkten. Hier wie dort werden Trennlinien gezo­gen und symbolisch aufgeladen, die den Gang der Handlung strukturieren respektive antizipieren. Auf Übersetzungsprobleme zielen die sprach- und medienkomparatisti­schen Beiträge von Heinz-Helmut Lüger zu den französischen, englischen und italienischen Ausgaben von Frau Jenny Treibel , von Martina Lemmetti zur Rolle der Modalpartikel im deutschen Original und in der italienischen Version von Effi Briest sowie von Sara Corso zu den italienischen Untertiteln der filmischen Adaption dieses Romans in der Regie von Rainer Werner Fass ­binder. 3. Literaturwissenschaftliche Beiträge Marianne Hepp diskutiert am Beispiel von Grete Minde (1879), Ellernklipp (1881), Unterm Birnbaum (1885) und Quitt (1890) das gattungsterminologi­sche Problem der Abgrenzung von ›Kriminalgeschichte‹ und ›Kriminalno­velle‹. Sie kommt zu dem Schluss, dass der Akzent von Fontanes Darstel­lung auf der Täterpsychologie und nicht, wie etwa bei Edgar Allan Poe, auf der Fallanalyse durch eine Ermittlerfigur liegt. Ebenfalls auf Unterm Birn­baum geht Lucia Salvato ein. Sie interessiert an der Vermittlungsform der erlebten Rede das ›zweistimmige Wort‹, an dem Figuren und Erzählinstan­zen gleichermaßen Anteil haben, und die durch eine Spannung von Identi­fikation und Distanzierung gekennzeichnet ist. Für den Autor wird die er ­zählte Rede zum Medium der Psychographie; für die Leserinnen und Leser zu einem Erkenntnismittel, das sich auf die mentale Verfassung des Roman­personals kapriziert. Neben Unwiederbringlich ist Irrungen, Wirrungen (1887/88) ein weiterer Text, der in diesem Tagungsband mehrfach Aufmerksamkeit erfährt. Maria Paola Scialdone geht vom Fenstermotiv(auch in Stine 1889/90) als Schwelle aus, um unter Rekurs auf Arnold von Genepp und Victor Turner die Über­gangsriten der sexuellen Reifung, Eheschließung und des Todes zu untersu­chen, während Gianluca Paolucci wichtige Schauplätze als Heterotopien im Sinne von Michel Foucault deutet, deren narrative Vergegenwärtigung eine Kritik der politischen und sozialen Ordnung jener Lebenswelt nahelegt, in der Botho und Lene nicht zusammenbleiben können. Beide Aufsätze verbin ­det der Gedanke, dass Fontane Alteritätsräume gestaltet und eine Poetik der Liminalität entfaltet. Cesare Giacobazzi wiederum hebt Lenes paradoxer­weise auf Selbstbeschränkung beruhende Selbstermächtigung von Bothos Fremdbestimmung ab:»Durch die Liebesgeschichte mit Botho hat sie einen Blick über die Grenze geworfen und dabei beschlossen, dass sie auf ein Le ­ben außerhalb ihres Horizonts verzichten wird.«(S. 466) Dieser Verzicht macht Lenes Stärke aus.