Heft 
(1.1.2025) 119
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Grenzüberschreitungen in Fontanes Werk| Bauer | 343 Eine schwache Männerfigur stellt für Giulia Iannucci auch der Protagonist des Kurzromans Schach von Wuthenow (1882) gerade aufgrund der illusionä­ren Stärke dar, die seine ›gender performance‹ als Offizier und Gentleman prätendiert. Genau besehen wird die Machtposition, die er bekleidet, von der toxischen Männlichkeit unterhöhlt, die im preußischen Heer kultiviert wurde. Iannuccis Dekonstruktion eingebildeter Überlegenheit und Unan­greifbarkeit steht die Rekonstruktion des Zeitraums zur Seite, in dem Schach von Wuthenow spielt. Unter Rückgriff auf Bachtins Definition des Chronoto ­pos und im Anschluss an Michel de Certeaus Begriff der Kartierung vermes ­sen Stefan Lindinger und Evi Petropoulou diesen Zeitraum, dessen Limitati­on sich aus der Niederlage Preußens gegen Napoleon am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt ergibt. Der Protagonist der Erzählung versucht der von ihm heraufbeschworenen Geschichte durch den Aufenthalt an geschützten Orten zu entkommen, die im Sinne von Michel Foucault»ein System von He­terotopien und Heterochronien«(S. 123) bilden, kann ihren Konsequenzen aber ebenso wenig entgehen, wie sein Regiment und der preußische Staat, die sich auf andere Weise mit der Macht der Geschichte eingelassen haben. Gegenläufig zu dem vergeblichen Versuch, den Gang der Dinge aufzuhal ­ten, wirken die Bemühungen von Jenny Treibel oder Mathilde Möhring, sich die soziale Mobilität zunutze zu machen und mit der Zeit zu gehen, die zur Auflösung starrer Standes- und Bildungsgrenzen tendiert. Markus Stein ­mayr problematisiert den Bildungsdiskurs, der die beiden Aufstiegsromane Fontanes grundiert: Die Titelfigur in Frau Jenny Treibel (1892)»bleibt klein­bürgerlich und parvenühaft, sie ist ja kein Individuum, das sich entwickelt, sondern ein Typus, der beschrieben wird«(S. 133), während die Geschichte, die in Mathilde Möhring(1906 posthum) erzählt wird, das Kalkül als kar­riereentscheidend ausweist. Nicht irgendein hehres Ideal, sondern nüch­­­t­erne Berechnung unterscheidet die Heldin von ihrem männlichen Wider ­part, der als Vertreter einer Bohème erscheint, die sich dem Leistungsprinzip entzieht. Ein interessanter Querbezug ergibt sich zwischen Steinmayrs Überle­gungen und dem Aufsatz von Stefania Sbarra, der es um Parallelen zwischen Friedrich Nietzsche und Fontane geht. In dem Bildungsphilister, an dem sich der Philosoph in seinen zeitkritischen Diagnosen abgearbeitet hat, sieht sie jenen Agenten der Grenzziehung, den auch Fontane(und Wilhelm Raabe) wiederholt in Szene gesetzt haben. Indem dieser Agent auf überlebten Kon­ventionen beharrt, mortifiziert er wie Baron Instetten in Effi Briest (1894/1895) die Figuren, die unter der Macht der Konventionen gleichsam lebendig begraben werden. Jenny Treibel mag weniger maligne als der Ba ­ron erscheinen, verkörpert in ihrem Beharren auf Konvention und Distink­tion jedoch dieselbe mentale Verfassung. So ist es denn immer wieder die Übersetzbarkeit der Grenzen und Schwel­len ineinander, den die Beiträge zu diesem reichhaltigen Band heuristisch fruchtbar und seine Lektüre zu einem konzentrierten Durchgang durch