Interferierende Bildwelten bei Fontane und Menzel| Wege | 345 beständig, auch hinter dem Rücken von Freunden, und zog sich mit zunehmendem Alter, Krankheit und Depression häufig zurück. Die Ehe diente ihm als Hafen der Ruhe vor öffentlichen Verpflichtungen, andererseits suchte er soziale Kontakte als Fluchtpunkte vor der Banalität des Familienalltags. Womöglich gelangten Fontane und Menzel gerade aufgrund dieser Übereinstimmungen hinsichtlich ihrer skeptischen, widersprüchlichen Künstleregos über einen reservierten Ton nicht hinaus. Gleichwohl würdigte man sich gegenseitig anlässlich runder Geburtstage und insbesondere Fontane pries Menzels Genie, unter anderem im Lexikon Männer der Zeit , wo er ihn als»glänzendsten Vertreter des Realismus« rühmte. 1 In dem Gedicht Auf der Treppe von Sanssouci bringt Fontane Menzels Kunst auf den Punkt:»Ja wer ist Menzel? Menzel ist sehr vieles,/ Um nicht zu sagen alles; mindestens ist er/ Die ganze Arche Noäh, Tier und Menschen:/ Putthühner, Gänse, Papageien und Enten/ Schwerin und Seydlitz, Leopold von Dessau[…].« 2 Einerseits bekrittelte er das»Salatmäßige so vieler Bilder«, andererseits schwärmte er von der»Allumfassendheit des kleinen Mannes« und seiner »Spannweite: links Hochkirch und Leuthen […], rechts Hühner, Hähne und weiße Pfauen, letztre – mehr als seine Weiblichkeiten – von einer gradezu erobernden Schönheit.« 3 Mit ironischem Einschlag würdigt der Dichter hier das enorme Spektrum von Menzels Sujets, die Kombination aus Alltäglichem, Gegenwärtigem mit Repräsentativem und Historischem. Eine Ähnlichkeit zwischen Frauen und Federvieh stellte auch Fontane vielfach in seinen Romanen her. Emilie Fontane gab zu bedenken, dass das»Sammelsurium« auf Menzels Bildern, deren Details sie bewunderte, den Werken Ih res Gatten»nicht unähnlich« sei. 4 Damit benannte sie die entscheidende Übereinstimmung der realistischen Poetik von Maler und Dichter – die Aufwertung des Privaten, Alltäglichen, scheinbar Kleinen, gegenüber großen, repräsentativen Gegenständen. Zum Thema Fontane und Menzel sind bereits mehrere fundierte Aufsätze erschienen; eine umfassende Studie, die Dichter und Maler zusammendenkt und sich vergleichend ihrem Verständnis von Realismus, ihren inhaltlichen Korrespondenzen und Darstellungsweisen widmet, stand jedoch bislang aus. Mit Elke Kalbs Dissertation liegt nun erstmals der Versuch vor, Menzels Bilder und Fontanes Romane in Beziehung zu setzen. In ihrer Studie ver gleicht die Autorin zwanzig Bilder von Menzel mit Szenen und Motiven aus 1 Theodor Fontane: Aufsätze zur bildenden Kunst. NFA XXIII/1. 1970, S. 429–433. 2 Theodor Fontane: Auf der Treppe von Sanssouci. 7./8. Dezember 1885.(Zu Menzels 70. Geburtstag). In: HFA I. 6. 1978, S. 262 ff. 3 An Maximilian von Harden, 13.12.1895. In: Theodor Fontane: Briefe. HFA IV. 4. 1982. Nr. 544, S. 511 f. 4 Theodor Fontane: Der Ehebriefwechsel. GBA XII/3. Nr. 652, S. 389.
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
345
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