Heft 
(1.1.2025) 119
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Interferierende Bildwelten bei Fontane und Menzel| Wege | 347 Werkinterpretationen Den Vergleich von Menzels und Fontanes Bildwelten legt Kalb plausibel in Form parallelisierender Interpretationen an, wobei sich ihre Auswahl an in­haltlichen Ähnlichkeiten orientiert. Die Verfasserin macht nicht den Fehler, eine direkte Rezeption der Bildwelten Menzels nachweisen zu wollen, was schon deshalb nicht überzeugt hätte, weil Fontane die meisten Bilder, die Kalb heranzieht, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht kannte. Potenziell kann der Mehrwert eines Vergleichs aber durchaus darin bestehen, interpretatori­sche Beleuchtungseffekte zu generieren, indem die als ähnlich erkannten Motive der gemalten und erzählten Erfahrungswelt des 19. Jahrhunderts ei­ner vergleichenden Deutung unterzogen werden. Zudem können realistische Darstellungs verfahren in den beiden Kunstgattungen bestimmt werden. Als Rezensentin hat man demzufolge in erster Linie die Qualität Überzeu­gungskraft und Originalität der jeweiligen Roman- und Bildinterpretatio ­nen zu bewerten und erst in zweiter Linie den Erkenntniswert, der aus der Bezugnahme von Bild und Text resultiert. Die Großkapitel zu den beiden Romanen verfolgen das Ziel, die»Evidenz« der Symbolebene der Realien und die Kopräsenz des ominösen Imaginären am Beispiel ausgewählter Szenen und Motive zu erörtern. Ein Beispiel: Irrun­gen, Wirrungen setzt mit der Beschreibung des Wohnhauses der alten Frau Nimptsch in der Berliner Vorstadt ein. Diese Beschreibung des kleinen Hau ­ses mit rotgrünem»Thürmchen«(GBA Irrungen, Wirrungen , S. 5) geriert sich laut Kalb auf den ersten Blick als alltäglicher und damit realistischer Schau ­platz, der sich an einer wahren Gegebenheit orientieren könnte. Die Be ­schreibung sei jedoch das Produkt des konstruktiven Wahrnehmungsakts eines modernen Erzählers. Dem architektonischen Detail hafte das Imaginä­re, hier als Phallisches und auch etwas Märchenhaftes, an(S. 49 f.). Zur Deu­tung des Letzteren beruft sich die Verfasserin auf ein generisches Handlexi­kon der Märchensymbolik. Das Imaginäre der alten Frau Nimptsch mit ihrer Vorliebe für heißes Wasser und Herdfeuer deutet Kalb als das Urmütterliche, das von einer Verwandtschaft mit der germanischen Göttin Frigg herrühre (S. 59). Diese Referenz entnimmt Kalb einer Studie von Dieter Kafitz, der sich wiederum vage auf bürgerliche Bildung berufen hatte, sowie auf eine Ab ­handlung von Ferdinand Tönnies aus dem Jahr 1887. Man kennt solche mehr oder weniger plausiblen Verrenkungen in Sachen Referenzialisierung aus zahlreichen Studien; sie sind das Brot der Fontane-Forschung, die das my ­thopoetische Programm Fontanes zu ergründen sucht. Kalbs Befund, dass selbst architektonische Details wie das Türmchen bei Fontane symbolisch überhöht werden, überzeugt. Fraglich allerdings, ob man hierfür den Begriff des Imaginären braucht, der im Grunde nichts zur Plausibilität der Deutung und noch weniger zu deren Originalität beiträgt, denn dass der Schauplatz, die Gärtnerei mitsamt Spargel und Himbeeren, erotisch konnotiert ist, hat keinen Neuigkeitswert.(Dass ein Haus, in dem zwei Frauen leben, bei Fonta­ne ›einen Phallus hat‹, darüber sollte man noch mal gesondert nachdenken.)