Heft 
(1.1.2025) 119
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348 | Fontane Blätter 119| Rezensionen Abwegig erscheinen hingegen Kalbs Ausführungen zu Lene Nimptsch. Aus­gerechnet Lene, die mit einer glücklichen Balance von Vernunft und Gefühl gesegnet ist, attestiert die Verfasserin, sich von illusionistischen Phantasien und Einbildungen willenlos lenken zu lassen(S. 93, 115). Botho sei für Lene lediglich»Mittel zum Zweck«(S. 94); sie sei nur ins Verliebtsein verliebt, wür­de ihn aber regelrecht»stalken«(ebd.) Bis zur Unkenntlichkeit verzerrt auch die Abwertung der Figur, wenn Kalb ihr»überhebliche illusionslose Abge­klärtheit«(S. 95) und ein»tyrannisch eingesetztes Ehrlichkeitskredo« (S. 105) zuschreibt. Die Übernahme einer»rettende[n] Sündenbock- und Op ­ferrolle« diene Lene dazu, moralische Überlegenheit zu erlangen, was verin­nerlichten religiösen Bildwelten(dem Imaginären) zuzuschreiben sei(S. 98). Aus Sicht Kalbs ist Lene das naive Opfer ihrer Märchenvorstellungen und zugleich eine kühle, manipulative Kalkulatorin; Botho nur das willige Werk ­zeug ihrer»Selbsterhöhung«(S. 104). Viele Urteile sind nicht als Perspektiv­übernahmen gekennzeichnet, beispielsweise ist ohne Anführungszeichen von Lenes»unschickliche[m] und anstößige[m] Benehmen«(S. 107) oder vom »Sumpfige[n] unmoralischer außerehelicher Beziehungen« die Rede(S. 108). Gleichwohl ist nicht davon auszugehen, dass sich die Verfasserin vom Ima­ginären des preußischen Tugendideals hat lenken lassen. Heuristische Kurzschlüsse von Bild und Text Die Interpretationen der Romanszenen kommen über weite Strecken ohne Verweise auf Menzel aus. Menzels Bilder werden in abgetrennten Teilkapi ­teln unter Rückgriff auf kunsthistorische Forschung vorgestellt, im An ­schluss das Imaginäre der Bildmotive gedeutet und in einem dritten Schritt Bild und Romanszenen punktuell zusammengeführt. Die Hausbeschreibung in Irrungen, Wirrungen wird beispielsweise mit Menzels früher Ölskizze Hin­terhaus und Hof (1844) verglichen, was thematisch passt, insofern Menzel hier den Hinterhof seiner eigenen Wohnung, und somit die Berliner Gegen ­wart, für bildwürdig befindet. Die Deutung einer kohleschwarzen Indus­triebrache als»heiliger Fleck«(2.2.1) scheint hingegen allzu weit hergeholt. Nicht jedes Menzel-Bild weist jenen Doppelsinn auf, den Andreas Köstler vorbildlich für Das Flötenkonzert herausgearbeitet hat. Weitestgehend über­zeugend sind jedoch die Vergleiche der gemalten und erzählten Tiere. Dass Hunde und Vögel bei Fontane für das Triebhafte stehen, weiß man, doch auch bei Menzel wimmelt es von Tieren. Bei genauerem Hinsehen divergie ­ren Text- und Bildmotive allerdings erheblich. Hahn und Hund in Dörrs Gärtnerei mögen für Erotik und Jagdtrieb stehen; Menzel aber zeigt im soge­nannten Kinderalbum einen angeschirrten Hund( Ziehhund und Katze ). Das tertium comparationis besteht hier in der Thematisierung zivilisatorischer Domestizierung des Natürlichen. Die Modernität der Darstellungsweise sieht Kalb darin, dass der Betrachter mit dem Hund auf Augenhöhe ist. Die Indizi ­en, die belegen sollen, dass auch Fontane eine solche Nähe erzählerisch be­absichtigt, überzeugen jedoch wenig, und während kein Zweifel am Sym-