Heft 
(1.1.2025) 119
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Interferierende Bildwelten bei Fontane und Menzel| Wege | 349 bolgehalt der Tierwelt im Roman besteht, bleibt das im Fall des Hundebildes aus Menzels Kinderalbum zumindest fraglich. Kalbs Abgleich der Gouache Die Distelfinken und der Kanarienvogel im Bauer mit einer Szene in Irrungen, Wirrungen mündet hingegen in einen sehr schönen Fund: Das Bild zeigt drei Distelfinken und einen Kanarienvogel hinter den Gitterstäben eines Käfigs. Die Autorin weist darauf hin, dass weibliche Kanarienvögel artfremde Stieglitzmännchen(= Distelfinken) aktiv»zur Liebe« auffordern, eine Ver ­haltensweise, die Buffon in seiner Naturgeschichte der Vögel (1785) als»phy­sischen Ehebruch« bezeichnete(S. 122). Tatsächlich hält sich Botho einen als »Liebling« bezeichneten Kanarienvogel, der sich zärtlich an ihn schmiegt, ebenso wie Lene, die er an einer Gittertür verabschiedet. Ob auch Menzel mit der Gouache im Kinderalbum tatsächlich»illegitime Beziehungen« themati ­siert(S. 146), lässt sich jedoch bezweifeln. Für das Ölgemälde Im Boudoir (1852) scheint das hingegen sehr wahrscheinlich(ebd.). Wenig ergiebig ist Kalbs Neuinterpretation des Chinesenmotivs und der Luft- und Fensterszenen in Effi Briest . Obgleich der Vergleich naheliegt, da auf Menzels Privatgemälde Das Balkonzimmer ein geöffnetes Fenster mit we ­henden Gardinen zu sehen ist, resultiert hieraus kein nennenswerter Mehr­wert für die Romandeutung: Harsch kritisiert die Autorin Klaus-Peter Schus­ters christologische Deutung mit dem Ziel, dieser eine eigene Deutung der Luft-Symbolik entgegenzustellen, die erneut auf vage Bezüge zur germa ­nisch-wendischen Götterwelt hinausläuft(S. 176 f.). Hätte die Verfasserin die einschlägigen Publikationen zum Motiv der Wasserfrau konsultiert, wäre ihr aufgefallen, dass bereits Hans-Christian Andersen seine kleine Seejungfer mit den»Töchtern der Luft« in den Himmel steigen lässt. Das al­lein erklärt freilich nicht die metaphysische Qualität der äußerst wider­sprüchlichen und vielgestaltigen Luft- und Wasserphänomene in fast allen Romanen Fontanes. Fazit und Desiderate Vorbildlich umreißt die Autorin ihren theoretischen Rahmen, die Bildwis ­senschaft und Bildtheorie. Die Teilkapitel zu Menzels Bildern sind überwie ­gend gelungen, weil hier primär Forschung referiert wird und nicht dem Anspruch Genüge getan werden muss, originelle Bilddeutungen her­vor­zubringen. Misslich ist hingegen das Fehlen eines eigenständigen Kapitels zum kunstgeschichtlichen Realismus-Begriff und zur künstlerischen Ent ­wicklung Menzels, die sich über ein halbes Jahrhundert erstreckte. Da sich die Studie auf zwei Romane beschränkt, vermisst man zudem weitere nahe­liegende Vergleiche, etwa des Pastells Die Schlittschuhläufer mit entspre­chenden Szenen in Unwiederbringlich und Mathilde Möhring . Der subtile Hu­mor, den Menzel mit Fontane teilt, findet in der Studie keine Beachtung. Da Kalb Fontanes Erzähltechnik auf Wahrnehmungsdarstellung reduziert, übersieht sie zudem ein Kompositionsprinzip, das den»Zusammenhang« des»Salatmäßigen« herstellt den Einbau von Privatangelegenheiten in