Interferierende Bildwelten bei Fontane und Menzel| Wege | 349 bolgehalt der Tierwelt im Roman besteht, bleibt das im Fall des Hundebildes aus Menzels Kinderalbum zumindest fraglich. Kalbs Abgleich der Gouache Die Distelfinken und der Kanarienvogel im Bauer mit einer Szene in Irrungen, Wirrungen mündet hingegen in einen sehr schönen Fund: Das Bild zeigt drei Distelfinken und einen Kanarienvogel hinter den Gitterstäben eines Käfigs. Die Autorin weist darauf hin, dass weibliche Kanarienvögel artfremde Stieglitzmännchen(= Distelfinken) aktiv»zur Liebe« auffordern, eine Ver haltensweise, die Buffon in seiner Naturgeschichte der Vögel (1785) als»physischen Ehebruch« bezeichnete(S. 122). Tatsächlich hält sich Botho einen als »Liebling« bezeichneten Kanarienvogel, der sich zärtlich an ihn schmiegt, ebenso wie Lene, die er an einer Gittertür verabschiedet. Ob auch Menzel mit der Gouache im Kinderalbum tatsächlich»illegitime Beziehungen« themati siert(S. 146), lässt sich jedoch bezweifeln. Für das Ölgemälde Im Boudoir (1852) scheint das hingegen sehr wahrscheinlich(ebd.). Wenig ergiebig ist Kalbs Neuinterpretation des Chinesenmotivs und der Luft- und Fensterszenen in Effi Briest . Obgleich der Vergleich naheliegt, da auf Menzels Privatgemälde Das Balkonzimmer ein geöffnetes Fenster mit we henden Gardinen zu sehen ist, resultiert hieraus kein nennenswerter Mehrwert für die Romandeutung: Harsch kritisiert die Autorin Klaus-Peter Schusters christologische Deutung mit dem Ziel, dieser eine eigene Deutung der Luft-Symbolik entgegenzustellen, die erneut auf vage Bezüge zur germa nisch-wendischen Götterwelt hinausläuft(S. 176 f.). Hätte die Verfasserin die einschlägigen Publikationen zum Motiv der Wasserfrau konsultiert, wäre ihr aufgefallen, dass bereits Hans-Christian Andersen seine kleine Seejungfer mit den»Töchtern der Luft« in den Himmel steigen lässt. Das allein erklärt freilich nicht die metaphysische Qualität der äußerst widersprüchlichen und vielgestaltigen Luft- und Wasserphänomene in fast allen Romanen Fontanes. Fazit und Desiderate Vorbildlich umreißt die Autorin ihren theoretischen Rahmen, die Bildwis senschaft und Bildtheorie. Die Teilkapitel zu Menzels Bildern sind überwie gend gelungen, weil hier primär Forschung referiert wird und nicht dem Anspruch Genüge getan werden muss, originelle Bilddeutungen hervorzubringen. Misslich ist hingegen das Fehlen eines eigenständigen Kapitels zum kunstgeschichtlichen Realismus-Begriff und zur künstlerischen Ent wicklung Menzels, die sich über ein halbes Jahrhundert erstreckte. Da sich die Studie auf zwei Romane beschränkt, vermisst man zudem weitere naheliegende Vergleiche, etwa des Pastells Die Schlittschuhläufer mit entsprechenden Szenen in Unwiederbringlich und Mathilde Möhring . Der subtile Humor, den Menzel mit Fontane teilt, findet in der Studie keine Beachtung. Da Kalb Fontanes Erzähltechnik auf Wahrnehmungsdarstellung reduziert, übersieht sie zudem ein Kompositionsprinzip, das den»Zusammenhang« des»Salatmäßigen« herstellt – den Einbau von Privatangelegenheiten in
Heft
(1.1.2025) 119
Seite
349
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