Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1916) Die Kultur / von Robert Mielke ...
Entstehung
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wenden. Seine dadurch eingeleitete und bedingte Tätigkeit als Schriftsteller führte ihn Iö6h nach Norddeutschland. Tr brauchte für seine Werke Holzschneider und Kupfer­stecher, suchte sie zuerst in Münster i. W. und kam dann nach Frankfurt a. d. O.: sein fast tSjähriger Aufenthalt in der Mark ist in vielfachen Beziehungen für dieselbe ersprießlich gewesen; in der Buchdruckerei datiert von ihm der erste wirkliche Aufschwung, und tech­nische Dinge, wie z. B. um nur einiges zu nennen Glashütten oder Salpetersiede- rcien, wurden auf seine Veranlassung und unter seiner Leitung wesentlich gefördert. f57s machte Thurneißer in Frankfurt a. d. O. die Bekanntschaft mit dem Kurfürst Johann Georg; er hatte impison" vonkalten, warmen, mineralischen und metallischen Wassern", im besonderen von den Flüssen und Mineralien der Mark gehandelt ... er verstand, dem Kurfürsten etliche Druckbogen des umfangreichen Buches in die Hände zu spielen, welche von den ungewöhnlichen Schätzen der Wasseradern und des Bodens Bran­denburgs berichteten: wie z. B. die Spree in ihrem Sande Gold führe, wie es in der Um­gebung von Lüstrin Alaun, Salpeter, Rubinen und Granaten gäbe, wie man bei Bernau Saphire, bei Mderberg Schwefel und Blei und ähnliche Schätze finden könne; den Flüssen wurden medizinische und dem Geiste dieser Naturbetrachtung zufolge auch moralische Wirkungen zugeschrieben. Da es Thurneißer außerdem gelang, der leidenden Kurfürstin durch eine Kur Linderung zu verschaffen, so zog ihn Johann Georg mit hohem Gehalte als Leibarzt an seinen Hof; von der Durchführung Thurneißerscher Vorschläge, wie z. B. des SpreeOder-Kanals, erhoffte der Landesherr eine Hebung der fiskalischen Einkünfte. Ihm ward ein Teil des leer stehenden Grauen Klosters in Berlin, wo An­fang f57f der letzte Franziskaner gestorben war, als Wohnung eingeräumt; im Sommer desselben Jahres begann Thurneißer seine weitreichende und vielseitige Tätigkeit als Arzt, Alchimist, Astrologe, Naturforscher von rein geschäftlichen Gesichtspunkten aus. Um vor allem seinen Ruf als Arzt zu begründen und zu verbreiten, richtete er die Druckerei im Grauen Kloster ein, die ihn und sein Wirken jahrzehntelang überdauert hat, eine Offizin, die sich durch sauberste und korrekteste Arbeit immer ausgezeichnet hat. Tr kam in medi­zinischen Dingen über eine Abhängigkeit von Vesalius und Paracelsus nicht hinaus, wollte es auch wohl nicht, da sich ja mit Harnproben und Talismanen, Nativitätsstellungen und Amuletten ein schwunghafter Handel treiben ließ. Die Theorien und Grundlagen seiner Praxis waren ein Gemisch von krassem Aberglauben, grillenhafter Spekulation und nicht unbedeutender Kenntnisse der menschlichen Krankheiten sowie der Arzneimittel, nament­lich der (Zuecksilberpräparate. Seinem Ehrgeiz und seiner Gewinnsucht wußte er immer den Schein der Wissenschaftlichkeit zu verleihen, wie ein Streben nach Erkenntnis der Natur und ihrer Kräfte bei ihm immer wieder zu beobachten war. Als erfindungs­reicher Kopf hat er seine Mitmenschen weit überragt; aus dem Kram und Wust seiner oft heil- und haltlosen Spekulationen über die Kräfte der Natur tritt hier und da eine durch Erfahrung oder Beobachtung gewonnene Naturerkenntnis zutage. Die ihm ab­gehende eigentliche gelehrte Bildung wußte er im Anfang geschickt zu verbergen und dann allmählich zu ersetzen; seine Schreibart sticht vorteilhaft ab von dem Gallimathias seiner Zeitgenossen, wenn ihm auch die lateinischen, hebräischen, persischen Fremdwörter nur den Nimbus des Fachgelehrten geben können. Er konnte des Brimboriums seiner Zeit in den exakten Wissenschaften nicht entraten, da es ihn in der fürstlichen Gunst erhielt