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zweifeln Pflegen. Das ist ein merkwürdiger Mann."
Als dann der Raw sich vor seine Zellenwand stellte um das Minchagebet zu verrichten, beobachtete ihn sein Gefängniswärter zwei volle Stunden lang- so lange hatte sein Gebet gewährt. Diese lautlose Stille des Gebets, die Erregung des ganzen Körpers, der Aufschwung der Seele, die jedes Glied durchzuckende Andacht dieses Beters machten auf den Wärter noch einen tieferen Eindruck als der Gesang, der ihn vor wenigen Stunden hingerissen hatte.
„Das ist ein merkwürdiger Mann, das ist ein Heiliger, der kann mit Gott selber sprechen," murmelte der Wärter vor sich hin und verließ leise den Ort, damit sein Gefangener nicht merke, daß er ihn beobachtet habe.
Als am Abend der Wärter pflichtgemäß noch einmal vor der Nachtruhe die Zelle seines Gefangenen aufsuchte und ihm sein Abendbrot vorsetzte, wies der Raw letzteres dankend zurück, er sei noch genügend mit Wegzehrung versehen und diese würde ihm verderben, wenn er sie nicht zuerst aufbrauchen wolle.
„Aber ich habe ja Eure Reisetasche beim Antritt Eurer Haft pflichtgemäß durchsehen müssen und sah, daß ihr nichts zu essen darin habt als ein Stück hartes Brot und auch das habt Ihr noch nicht angerührt?"
„Ich danke Euch für Eure Fürsorge- aber Ihr braucht Euch deswegen keine Gedanken zu machen. Kennt Ihr nicht das Wort der Bibel,