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Der Raw : kulturhistorische Erzählung / von Judäus
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genschaft Euch mit Nahrung zu versorgen. Er wollte gar zu gerne den Namen des Gefangenen wissen, ein Wunsch, den ich ihm nicht erfüllen konnte. Nun aber genießt etwas, bevor wir weitersprechen, ihr habt ein Recht, hungrig zu sein,- ich habe Euch dann mehrere wichtige Mit­teilungen zu machen."

Herzlichen Dank für Ihre große Güte, die Ihnen Gott lohnen möge. Aber ich bitte recht dringend, sofort mit Ihren Mitteilungen zu be­ginnen, da Ihre Zeit gewiß beschränkt ist- ich werde viel ruhiger essen, wenn ich es bis nach Ihrem Besuche verschiebe."

Seid nur vorsichtig, daß der Gefängnis­wärter nichts von der Kontrebande merkt, die wir hier eingeschmuggelt haben. Die Büchse gebt Ihr mir nach dem Gebrauch wieder zurück, damit sie uns nicht verrät. Lasset Euch auch etwas Brot und Tee von dem Wärter geben, d. h. ich will es ihm selbst auftragen, damit Ihr durch euer Nichtsessen keinerlei Verdacht erregt, und nun zur Sache."

Der Oberst war dem Gefangenen etwas näher gerückt und sprach mit ganz leiser Stimme:

Ich habe in Erfahrung gebracht, daß Ihr heute Nachmittag vor Gericht gestellt werdet. Man beschuldigt euch politischer Umtriebe, die sich gegen die Regierung richten. Ihr sollt das Haupt einer Verbindung sein, welche man die Karliner nennt*). Diese Verbindung soll sich

*) Mit diesem Namen bezeichnen man damals die Anhänger des Chassidismus, weil er in der Stadt Karlin seine eifrigsten und zahlreichsten Vertreter hatte.

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