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Der Raw : kulturhistorische Erzählung / von Judäus
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fehl sein. Wenn Ihr es wünscht, so verhelfeich Euch zur Flucht,- auch wenn es mich meine Stellung und selbst mein Leben kosten sollte."

Ich habe keinen Wunsch, edler Herr, dessen Erfüllung mich so beglücken könnte als das Be­wußtsein, Sie wieder für unsere jüdische Lebens- Pflicht gewonnen zu haben. Da sei Gott vor, daß ich dafür irgendeine Gegenleistung annehme. Wenn ich durch Flucht von hier frei werden wollte, so könnte ich es mit Gottes Hilfe in ein bis zwei Tagen ermöglichen, und zwar ohne daß ich Ihre Mitwirkung in Anspruch nehmen müßte."

Der Oberst sah den Raw bei diesen Worten starr an und meinte:

Wenn das, was Ihr soeben bemerkt habt, mir jeder andere Gefangene sagen würde, so würde ich darin das erregte Phantasiegebilde eines fiebernden Irrsinnigen erblicken und viel­leicht darüber lächeln. Wenn Ihr eS aber sagt, so ist es Wahrheit, aber aller­dings für mich völlig unfaßbare Wahrheit. Seitdem die Peter und Paul-Feste steht, ist ihr noch kein Häftling entflohen und Ihr könntet ohne meine Mithilfe Eure Flucht ermöglichen, wenn Ihr nur wollt? Aber ums Himmels willen, warum wollt Ihr nicht? Euer Leben schwebt in höchster Gefahr, es kann Euch in wenigen Tagen genommen werden und so weit Menschenaugen sehen, ist jede Möglichkeit aus­geschlossen, die Richter günstig für Euch zu stim­men. Gelänge dies aber selbst, so bleibt noch immer der Kaiser, der Euch für schuldig hält,