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Der Raw : kulturhistorische Erzählung / von Judäus
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geschlossen hatte, entleerte der Raw hastig den ganzen Inhalt der Büchse auf einen Teller, in der Hoffnung, ein geschriebenes Wort des Freun­des darin zu finden. Als er nichts fand, sagte er leise zu sich:

Rabbi Mordychai ist ein kluger, vorsichtiger Mann, er hat gefürchtet, mir auf diesem Wege wieder eine Mitteilung zugehen zu lassen,- das hätte ich mir eigentlich denken können; aber hoffentlich kann ich ihn bald selber sprechen."

Gegen Abend suchte der Gefängniswärter die Zelle auf, um dem Gefangenen seinen Tee zu bringen und nach dem Ofen zu sehen, wie er es allabendlich tat. Um ein Gespräch mit ihm an­zuknüpfen, bemerkte der Raw:

Es ist Euch doch nichts Unangenehmes zu­gestoßen, Herr Jastrebof? Es kommt mir vor, als ob Ihr heute besonders ernst und nieder­geschlagen wäret."

Der Herr hat zwei gute Augen, denen nichts entgeht. Mir selber ist eigentlich nichts passiert, aber Euch. Ich wollte es Euch verheimlichen, aber Ihr seht und wisset doch alles, deshalb will ich's Euch sagen; in wenigen Tagen werdet Jhr's so wie so erfahren. Gestern war droben Ge­richtssitzung, und es ist der Antrag gestellt wor­den, Euch hinzurichten. Ihr braucht deshalb nicht zu erschrecken, es ist einstweilen nur ein Antrag, der gestellt wurde, und man wird jeden­falls Euch vorher noch selber hören."

Aber woher wißt Ihr das alles; Ihr seid doch nicht bei den Sitzungen zugegen?"